Verlorene Bilder, verlorene Leben
Jüdische Sammler und was aus ihren Kunstwerken wurde
(mag).
Die Ausplünderung jüdischer Kunstsammlungen ist ein wesentlicher Bestandteil
der nationalsozialistischen Politik gewesen, wobei nicht nur Adolf Hitler und
Herman Göring im großen Stil Bilder stahlen, sondern auch viele Museumsdirektoren
der Versuchung nicht widerstehen konnten und der Kunsthandel große Gewinne
erzielte. Der Rassenwahn der Nationalsozialisten konnte kaum deren rücksichtslose
Profitgier verschleiern. Die jüdischen Familien wurden in die Flucht oder
in den Tod getrieben, jedoch nicht, ohne sie vorher ihrer teilweise sehr beeindruckenden
und wertvollen Kunstsammlungen zu berauben. Für das sehr informative Sachbuch
„Verlorene Bilder, verlorene Leben“ haben die Wiener Publizistin Melissa Müller
und die Berliner Historikerin Monika Tatzkow mit Unterstützung von Thomas
Blubacher und dem Juristen Gunnar Schnabel anhand von 15 jüdischen Familien
exemplarisch deren Schicksal und das ihrer Kunstwerke recherchiert. Anlass für
ihre akribische Arbeit ist die Tatsache, dass auch Jahrzehnte nach dem Ende
des Zweiten Weltkrieges viele Gemälde noch nicht zurückerstattet wurden.
Die Autorinnen Melissa Müller und Monika Tatzkow erzählen von der Entstehung der Bilder und wie sie in den Besitz der jüdischen Familien gelangt sind. Der Leser erfährt von der Kunstbegeisterung, dem Mäzenatentum und der Sammelleidenschaft unter anderem so berühmter Familien wie die Cassirer, von Mendelssohn und de Rothschild sowie von Ehefrauen wie Sophie Lessitzky-Küppers und Alma Mahler-Werfel. Es werden aber auch weithin unbekannte Familien vorgestellt, deren Bilder aber zu dem berühmtesten Schätzen der Kunstgeschichte zählen. Die Verbindung der Geschichte der erstklassigen Bilder mit den privaten teilweise sehr persönlichen Lebensbeschreibungen der interessanten Familien lassen die Opfer wieder auferstehen. Während das grausame Unrecht während des Nationalsozialismus' den Leser entsetzt, kann man über die Dreistigkeit, mit der nach dem Krieg eine Restitution verhindert werden sollte, nur staunen. Der stets sachliche Text versucht detailliert die Geschehnisse nachzuvollziehen, so dass ein ungewöhnliches Dokument der Zeitgeschichte entstanden ist. Die Texte sind nicht nur für Kunstbegeisterte oder Historiker interessant, ohne oberflächlich zu sein, wendet sich das engagierte Buch an interessierte Laien und ist auch für Jugendliche geeignet.
Das faktenreiche Sachbuch „Verlorene Bilder, verlorene Leben“ ist reich bebildert mit farbigen Abbildungen der vorgestellten Gemälde. Es werden aber auch zahlreiche Dokumente, wie Kaufverträge, Gerichtbeschlüsse und andere Dokumente der widerrechtlichen Enteignung der ursprünglichen Besitzer gezeigt. Die Qualität der Abbildungen ist ohne Ausnahme sehr hoch, so dass auch die Schriftstücke gut lesbar sind. Neben den aufwühlenden Biografien der betroffenen Familien stellen ebenso die zahlreichen abgebildeten Familienbilder, Porträts und Interieuraufnahmen ein beeindruckendes Zeitdokument dar. Der Betrachter blickt in bürgerliche Wohnungen mit einem Kandinsky, einem Pissarro oder mehreren Otto Dix über dem Sofa, einem Lissitzky überm Esstisch, und einem van Gogh über der Anrichte. Diese Bilder machen die erlittenen Schicksale so anschaulich.
„Verlorene Bilder, verlorene Leben“ klagt an ohne sentimental zu sein. Nicht die Täter sondern die Opfer und ihre Bilder stehen im Mittelpunkt. Es setzt sich für die Opfer ein und fordert beherzt, die endgültige Restitution von Gemälden und Kunstwerken an die ursprünglichen Besitzer voranzutreiben.
Autorenportrait:
Melissa Müller, geboren 1967 in Wien, begann bereits während des Studiums der Germanistik und Betriebswirtschaftslehre in Wien, für verschiedene Magazine und Tageszeitungen zu schreiben. Zahlreiche, international erfolgreiche Veröffentlichungen sowie Dokumentationen.
Monika Tatzkow, geboren 1954 bei Berlin, studierte Geschichte in Berlin und promovierte 1986 an der „Akademie der Wissenschaften“. 1992 gründete sie den Wissenschaftlichen Dokumentationsdienst für Offene Vermögensfragen in Berlin „Dr. Tatzkow und Partner“, seit 1998 mit Schwerpunkt NS-Raubkunst.
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