Zwei Affen
Eine Geschichte von Tausch und Täuschung in der Kunst
(mag).
Ein Bild, das in einem Museum präsentiert wird, hat eine lange, oft abenteuerliche
Reise hinter sich. Gemälde wechseln den Besitzer, werden verkauft oder
verschenkt. Manches Original geht verloren, taucht unvermittelt auf einem Flohmarkt
wieder auf oder wird als Fälschung entlarvt. Wenn ein bedeutendes Bild
dann der Öffentlichkeit zugänglich ist, werden tausende von Postkarten
und Poster gedruckt. Die Kunstliebhaber nehmen die Kopien mit nach Hause und
geben dem Bild eine individuelle Bedeutung. In seinem Roman „Zwei Affen“ erzählt
der Autor Silvio Blatter von Wegen, die das Bild „Zwei Affen“, das Pieter Bruegel
1562 gemalt hat, genommen hat, bis es schließlich in einem Museum in Berlin
hängt. Und er erzählt von Menschen am Ende des 20. Jahrhunderts, die
einen ganz persönlichen Zugang zu diesem Bild haben.
Die 30-jährige Künstlerin Lore Spescha kommt 1976 nach Berlin, weil sie von Bruegels „Zwei Affen“ eine Kopie anfertigen möchte. Sie kennt das Bild schon aus Kindertagen, als ihr geliebter Vater ihr von einer Reise nach Amsterdam ein Puzzle mit diesem Motiv mitgebracht hat. Während Lore Spescha vor dem Original im Museum sitzt, kommt Martin Holm in den Saal. Er kennt das Bild aus seiner Jugendzeit. Sein Vater arbeitete im Dritten Reich als Ingenieur in einem Bergwerk in Thüringen. Dort wurden wertvolle Gemälde aus deutschen Museen während des Krieges eingelagert, um sie vor der Zerstörung zu bewahren. Das kleine Gemälde wird für Martin Holm zum Anker, der ihm schließlich hilft, den Krieg zu überleben. Er bittet Lore Spescha für ihn eine Kopie des Bildes zu malen und lädt sie zu sich nach Amsterdam ein. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die wie das Bild und seine Kopien verschlungene Wege geht.
Silvio Blatter versucht in seinem Buch „Zwei Affen“ eine komplexe Geschichte über Original und Fälschung, Schuld und Vergeben sowie der Suche nach Liebe von vielen Seiten zu erzählen. Dabei verliert er sich gelegentlich in Nebenhandlungen und ausufernden Exkursen. Eine größere Konzentration würde dem Buch gut tun. Die beiden Hauptpersonen bleiben sonderbar blutleer und vor allem der reiche, gut aussehende Martin Holm ist eher ein Klischee als ein Charakter. Die Einbettung der Geschichte in die Zeitläufe zwischen dem geteilten Berlin, der Öffnung der Grenzen und einer Klimakonferenz mit Al Gore wirkt sehr bemüht und lenkt von der eigentlichen Geschichte eher ab. Von einem Autor erwartet der Leser Sorgfalt beim Umgang mit Sprache, da ist zum Beispiel die Verwendung der Wörter „bräuchte“ und „LKWs“ wirklich ärgerlich.
Silvio Blatter ist nicht nur Autor, sondern auch Maler, was seinem lebendigen Schreibstil anzumerken ist. Seine Sicht auf die Welt, ist die eines Malers. Er nimmt Farben und Formen, Licht und Schatten auf seine ganz eigene Art auf und lässt den Leser an diesem Blick teilhaben. Die pointierten Beobachtungen, zum Beispiel des Himmels oder einer nächtlichen Dorfstraße, lassen beim Leser lebendige Bilder entstehen. Zusammen mit Lore Spescha taucht der Leser in das Bruegelbild ein. Die Beschreibungen der Kunst machen den eigentlichen Reiz dieses Buches aus.
Damit der Leser das Bild „Zwei Affen“ vor Augen hat, wurde das Gemälde auf die Vorsatzpapiere gedruckt. Besonders gelungen ist dabei die Idee auf dem vorderen Vorsatz das Bild wie ein Puzzle wiederzugeben, während es auf dem hinteren Vorsatz vollständig angebildet ist. Es ist schon etwas besonderes, wenn Verlage bereit sind, Bücher so schön zu gestalten.
Der Roman „Zwei Affen“ um das Bild von Pieter Bruegel ist ein interessantes Spiel um Original, Tausch und Täuschung.
Autorenportrait:
Silvio Blatter, geboren 1946 in Bremgarten, Schweiz, studierte in Zürich Germanistik und arbeitete als Primarschullehrer und Hörspielregisseur. Nach den Stationen Amsterdam, Husum, St. Louis und San Diego lebt er heute in Oberglatt bei Zürich und in München. Bekannt wurde er durch seine „Freiamt-Trilogie“. In den neunziger Jahren widmete der Autor sich überwiegend der Malerei. Seit dem Jahr 2000 sind Schreiben und Malen wieder gleich wichtig für ihn. Der Autor wurde ausgezeichnet mit dem „Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis“, dem Preis der „Neuen Literarischen Gesellschaft Hamburg“, mit kulturellen Auszeichnungen der Stadt und des Kantons Zürich und des Kantons Aargau sowie dem „Kunstpreis Zollikon“.
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