Zugzwang
Ein packender Schachkrimi im vorrevolutionären St. Petersburg
(mag).
Das vorrevolutionäre Russland ist eine zutiefst gespaltene Gesellschaft:
Auf der einen Seite der Zar und der ihn umgebende reiche Adel, auf der anderen
Seite die bitterarmen Bauern und Arbeiter. Doch die einfachen Leute fangen an
sich zu wehren, organisieren sich in Gewerkschaften und demonstrieren öffentlich
gegen die himmelschreiende Ungerechtigkeit. Im Frühling 1914 lebt Lenin
im Schweizer Exil während seine Genossen vom zaristischen Geheimdienst
verfolgt werden. In dieser unruhigen Zeit findet in St. Petersburg ein bedeutendes
Schachturnier statt, bei dem die besten Spieler gegeneinander antreten – und
es geschehen zwei Morde.
In seinem Kriminalroman „Zugzwang“ entwickelt der irische Autor Ronan Bennett eine rasante Geschichte zwischen der feiernden Künstlerbohème, den dunklen Machenschaften des Geheimdienstes und dem blutigen Kampf der Arbeiterbewegung. Im Mittelpunkt der Ereignisse steht der jüdischen Psychoanalytikers Otto Spethmann, der mit seinem polnischen Freund, dem Musiker Kopelzon, Schach spielt. Dieses Schachspiel wird zum roten Faden der Erzählung, in der Otto Spethmann immer mehr ins Visier der örtlichen Kriminalpolizei und der rivalisierenden politischen Gruppen gerät. Mit dem klugen Verstand eines Psychoanalytikers und der visionären Kraft eines Schachspieler versucht Otto Spethmann die Ereignisse zu durchschauen, doch spätestens als er sich in die schöne Russin Anna Petrowna Siatdinow verliebt, wird das Spiel, dessen Regeln er nicht durchschaut, für ihn und seine Tochter lebensgefährlich.
„Zugzwang“ ist ein Kriminalroman dem es an nichts fehlt: Eine spannende Handlung mit überraschenden Wendungen, interessanten Personen und viel Lokalkolorit aus einer ereignisreichen historischen Zeit. Besonders gelungen ist die Verbindung zwischen dem Schachspiel und dem Verlauf der Ereignisse. Der Schachprofi kann das Spiel von Spethmann gegen Kopelzon genau verfolgen, da in den Text die einzelnen Schritte der Schachpartie abgebildet sind und im Text die Züge diskutiert werden. Man muss jedoch kein Schachspieler sein, um den Roman mit Genuss zu lesen. Die ersten Kapitel sind durch die Zeitsprünge und die vielen Personen etwas verwirrend, man liest sich jedoch schnell in die Geschichte ein, muss aber aufmerksam auch auf kleine Szenen achten. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn der Psychoanalytiker während des heftigen Liebesspiels mit seiner Patientin zwischen den Liebesakten – natürlich gibt es immer mehrere! – versucht deren Kindheitstraum zu lösen.
Der Roman wurde von Stefanie Röder aus dem Englischen übersetzt, wobei sich leider wenige holperige Sätze eingeschlichen haben. In der Danksagung listet Ronan Bennett die Literatur, die er für seine Recherchen verwendet hat, auf. Hier wird noch einmal deutlich, dass „Zugzwang“ nicht nur ein gut gemachter Krimi, sondern auch ein Buch über das Schachspielen, die Psychoanalyse sowie die Verhältnisse in St. Petersburg kurz vor dem ersten Weltkrieg ist und den polnisch-jüdischen Befindlichkeiten. Der Stil der Romans ist gut lesbar und die wunderbar gewählte Ausdrucksweise der Dr. Otto Spethmann ist ein wahres Lesevergnügen.
„Zugzwang“ ist ein packender Krimi, der auf den Leser einen großen Lesezwang ausübt!
Autorenportrait:
Ronan Bennett wuchs in Belfast auf. Er hat bisher fünf Romane veröffentlicht. „Zugzwang“ erschien 2006 als Fortsetzungsroman in „The Observer“. Er lebt mit seiner Familie in London.
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