Winterjahre
Roman von der Schwäbischen Alb
(tos).
„Viel Steine gibt's und wenig Brot“, so beschreibt Manfred Mai in seinem
Roman „Winterjahre“ den Ort Winterlingen. In eben diesem Winterlingen, wo es
immer „ein Kittel kälter“ ist als im Umland, erlebt Wolfgang Windbacher
seine Kindheit und Jugend. Von der Angst vor dem Plumpsklo im außerhalb
des Gebäudes liegenden Toilettenhäuschen bis hin zu den Doktorspielen
mit seinen zwei Schwestern und der ersten großen Liebe begleitet der Leser
den Sohn des Landwirts Eugen Windbacher auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Der
hat es zunächst alles andere als leicht im Elternhaus und in der Schule.
Eindringlich schildert Manfred Mai das schwierige Verhältnis zwischen Vater und Sohn in der Nachkriegszeit. Der Sohn, der keineswegs nach der Vorstellung des Vaters gerät, flieht immer wieder in Tagträume. Dem Vater, so scheint es, kann er nichts, aber auch gar nichts recht machen. Selbst beim Fußball, wo Wolfgang zu den Besten gehört, zeigt sich der Vater selten zufrieden mit seinem Sprössling. Erst als andere – geduldigere Lehrer, der Fußball-Trainer, die erste Freundin Monika – an die Stelle des Vaters treten, mausert sich Wolfgang nicht nur zum besten Fußballspieler des Dorfes, sondern wandelt sich ebenso von einem der schlechtesten zu einem der besten Schüler seiner Klasse. Und als ihn dann während seiner Malerlehre die doppelt so alte, 31-jährige Witwe Anna Stolzenberg in die Welt der Liebe und der Literatur einführt, ist für ihn endgültig der Frühling angebrochen.
Manfred Mai hat einen einfühlsamen Entwicklungsroman geschrieben, der stark autobiografisch gefärbt ist. Es verwundert daher nicht, dass der Verfasser mit viel Sympathie für seine Hauptfigur schreibt. Wenn auch der allwissende Erzähler an einigen Stellen etwas zu altklug daherkommt, so kommt man nicht umhin, Sympathie zu empfinden für den notorisch unterschätzten Jungen und spürt mit ihm die sanften Klänge einer emanzipatorischen Pädagogik, die den Menschen in den Vordergrund rückt. Man freut sich mit Wolfgang, wenn er sich während seiner Lehre gegen den Meister durchsetzt, und man trauert mit ihm, dass ihm der Weg in den Verbandskader des VfB Stuttgart verwehrt bleibt. Dass die Familie Windbacher am Schluss ihren Bauernhof aufgeben muss, scheint nur folgerichtig zu sein. Zu sehr ist das Leid Wolfgangs mit dem Hof des Vaters verbunden.
Auf eindrückliche Weise macht Manfred Mai in seinem Buch deutlich, was es für einen Jungen heißt, in der Landwirtschaft aufzuwachsen. Ebenso eindrücklich beschreibt Manfred Mai die Alltagswelt der 1950er und 60er Jahre auf der ländlichen Schwäbischen Alb, in Winterlingen. Kein fiktiver Ort übrigens, Manfred Mai selbst lebt in Winterlingen, „Winterjahre“ ist der erste Roman, den der Kinderbuchautor für Erwachsene schrieb. Hoffentlich nicht der letzte!
Autorenportrait:
Manfred Mai, Jahrgang 1949, lebt und arbeitet in Winterlingen (Zollernalbkreis). Nach einer Malerlehre, drei Jahren Fabrikarbeit und 18 Monaten Wehrdienst wurde er Lehrer und unterrichtete acht Jahre an einer Realschule. Er begann zu schreiben, kündigte seine Stelle und ist nun seit über 20 Jahren freier Schriftsteller. Er hat mehr als 150 Bücher geschrieben, die in 25 Sprachen übersetzt wurden, wie „Geschichte der deutschen Literatur“, „Weltgeschichte“ und „„Was macht den Mensch zum Menschen?““.
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