Venezianische Verlobung
Commissario Trons zweiter Fall
(jaf).
Fünf Todesfälle und eine (bevorstehende) Hochzeit – das ist die Bilanz
von Commissario Trons zweitem Fall. „Venezianische Verlobung“ ist das ins Jahr
1863 verfrachtete Kriminalstück von Autor Nicolas Remin überschrieben
– und es funktioniert mindestens genau so gut wie sein Vorgänger „Schnee
in Venedig“. Zum einen ist da das weltpolitische Setting: Erzherzog
Maximilian, Bruder des legendären k.u.k.-Monarchen Kaiser Franz Joseph,
soll Kaiser von Mexiko werden – was soweit den historischen Begebenheiten entspricht.
Mit einem gerüttelt' Maß an Fantasie ist denkbar, dass so ein staatspolitischer
Akt damals von allerlei Intrigen begleitet gewesen sein könnte. Und in
diesem Terrain wildert Nicolas Remin: Erst geschieht ein, dann zwei, dann drei,
dann vier Morde. Und plötzlich ist der Erzherzog selber verdächtig.
Dann sein Kapitänleutnant. Oder ein einflussreicher Geistlicher. Möglich
ist vieles, und so macht sich der Leser zusammen mit Tron auf manche falsche
und schließlich die überraschend richtige Fährte: „Tron
schätzte, dass das Blatt in diesem Spiel alle vierundzwanzig Stunden neu
gemischt wurde. Der Fall erinnerte ihn immer mehr an die bunten Steinchen eines
Kaleidoskops, die nach jeder neuen Drehung ein verändertes Bild ergaben.“
Und in der Tat: Voraussehbar ist das Ende kaum, bis zur letzten Seite spannend ist diese „Venezianische Verlobung“. Autor Nicolas Remins Rezept gelingt dabei zielsicher. Da verbandelt er History and Crime, lässt authentische Figuren neben fiktiven aufmarschieren und strickt so eine ganz neue, kluge und überzeugende Geschichte aus vergangenen Tagen. Garniert ist die mit dem morbiden Charme des magischen Ortes Venedig. Ob im Café Florian, der bis heute existierenden Luxusherberge „Danieli“ oder den engen Gassen im Canneregio – die Schauplätze kennt selbst der Venedig-Tourist, problemlos ist die Orientierung in der Geografie des Romans möglich. Das reißt mit. Und dann menschelt's auch noch im Hause Commissario Tron: Eine Hochzeit mit der schönen, klugen und sympathisch emanzipierten Principessa, seiner neuen Liebe aus Fall 1, bahnt sich an. Nicht nur die finanzielle Sanierung des verarmten Adeligen samt seines heruntergekommenen Palazzo ist damit greifbar, sondern gar bald komplettiertes familiäres Glück. Was daraus wird, werden wohl die nächsten Fälle zeigen.
Tron ist eine Art Brunetti der frühen Belle Epoque, ein eigensinniger Ermittler mit Hang zur Poesie und wenig ausgeprägtem venezianischen Kaufmannsgeschick. Nicolas Remin hat ihn – aber auch sämtliche anderen Charaktere – lebhaft gezeichnet, der Commissario ist alles andere als eine schlechte Kopie des Donna Leon'schen Meisterdetektivs. Überaus solide konstruiert ist der Fall, unaffektiert und bestechend die klare Sprache. In jedem Fall haben Autor Nicolas Remin und sein Protagonist das Zeug zu mehr. Keine Frage: Tron wird zum Serien-Helden. Und das zurecht.
Autorenportrait:
Nicolas Remin wurde 1948 in Berlin geboren, studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte in Berlin und Santa Barbara, Kalifornien. Heute lebt er mit seiner Familie in der Lüneburger Heide. „Schnee in Venedig“ ist sein erster historischer Roman mit Commissario Tron.
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