Über den Dächern der Stadt
Balkongeschichten
(mag).
Es ist gar nicht erstaunlich, dass eine Frau aus Berlin das Buch „Über
den Dächern der Stadt“ mit Geschichten vom Balkon zusammenstellt. Die Herausgeberin
Unda Hörner wohnt in der größten deutschen Stadt in einer Wohnung
mit Balkon, den sie hegt, pflegt und genießt. Wie sehr sie ihn schätzt,
merkt sie aber erst, als ihr Balkon abgerissen wird und es ein ganzes langes
Jahr dauert bis der neue steht. Seit dieser Zeit weiß sie: „Eine Wohnung
ohne Balkon hat gar keinen Sinn.“ Wenn man etwas nicht mehr hat, merkt
man erst, wie oft es um einen herum vorhanden ist. So ist auch die Literatur
voll von Balkonen. Der berühmteste ist wohl der von Romeo und Julia, aber
auch Zeitgenossen wie Xavier Marías und Thomas Bernhard setzen dem Balkon,
diesem ebenso geschützten wie öffentlichen Raum, ein literarisches
Denkmal.
Unda Hörner hat insgesamt dreizehn Geschichten und Textausschnitte zum Thema Balkon zusammengestellt und in dem kleinen Band „Über den Dächern der Stadt – Balkongeschichten“ veröffentlicht. Da sind alt bekannte Balkonsitzer wie Hans Castorp aus Thomas Manns „Zauberberg“ neben dem in Erinnerungen schwelgenden Marcel Proust und dem ausgestoßenen Franz Kafka zu finden. Aber auch moderne Autoren wie Ulla Lessmann, Jean-Philippe Toussaint und Keto von Waber haben ihre Erfahrungen mit Balkons. Die Bandbreite der Geschichten reicht von wunderschön literarisch bis urkomisch oder banal. Eine interessante Auswahl, die den Balkon zum Spiegel der Seele, Sehnsuchtsort oder zur lokalen Wetterstation, aber auch zum Schauplatz von Liebe, Tod und Alltag macht. Nur das alberne Geplapper von Axel Hacke fällt in der Qualität der Prosa deutlich ab. Der Briefwechsel von Jan Weiler über einen Serienmörder ist dagegen nur etwas für ganz hart gesottene Leser. Die anderen Texte jedoch sind von großer Schönheit oder witziger Beobachtungsgabe.
Wenn man das Buch „Über den Dächern der Stadt – Balkongeschichten“ in die Hand nimmt, erfreut man sich an der schönen Gestaltung. Die Bücher der „blue notes“-Reihe sind mit ihren blauen Leinenrücken, dem schönen Vorsatz und dem kräftigen Papier ein Augenschmaus für Buchliebhaber. Im Anhang des Buches befinden sich kurze biografische Angaben zu den Autoren und eine kleine Liste mit „Literatur zum Weiterlesen“.
Die Geschichtensammlung „Über den Dächern der Stadt“ ist ein Balkon für die Tasche, den man rausholen kann, wenn man mal keinen Balkon zur Verfügung hat, sondern in der Bahn oder auf einer Wiese sitzen muss.
Herausgeberportrait:
Unda Hörner, geboren 1961, Studium der Germanistik und Romanistik. Sie lebt als freie Autorin in Berlin. „Bettina-von-Arnim-Preis“ 2001.
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