Ophelias Schattentheater

Der Tod hat viele Gesichter

Ophelias Schattentheater(pr). Michael Endes Bilderbuch „Ophelias Schattentheater“ wurde 1988 zum ersten Mal veröffentlicht und wird nun zu seinem zwanzigsten Geburtstag noch einmal neu aufgelegt. In dem Kinderbuch geht es um Folgendes: Fräulein Ophelia ist eine alte Dame, die als Souffleuse im Theater arbeitet und jede Komödie und jede Tragödie auswendig kann. Eines Tages muss das Theater geschlossen werden, und Ophelia verliert ihre Arbeit. Als sie sich ein letztes Mal in ihrem geliebten Theater umsieht, macht sie Bekanntschaft mit einem herrenlosen Schatten, der hinter den Kulissen umherirrt. Sie hat Mitleid mit dem einsamen „Schattenschelm“ und bietet ihm an, sich zu ihrem eigenen Schatten zu gesellen. Natürlich nimmt er Ophelias Angebot dankend an, und kurze Zeit später macht die Neuigkeit die Runde, dass die alte Ophelia Schatten bei sich aufnimmt. Nach und nach kommen immer mehr neue Schatten zu ihr, die niemanden mehr auf der Welt haben. Ophelia bringt es nicht über ihr Herz, sie abzuweisen und erlaubt allen Schatten, bei ihr zu bleiben.

 

Doch das Zusammenleben mit den neuen Gefährten bringt nicht nur Vorteile mit sich – im Gegenteil: Die Schatten streiten oft miteinander, und um sie abzulenken, bringt Ophelia ihnen alle Theaterstücke, die es auf der Welt gibt, bei. Von da an spielen die Schatten ihr jede Nacht die Komödien und Tragödien vor. Doch damit sind nicht alle Probleme aus der Welt geschafft: Denn auch wenn niemand außer der alten Ophelia die Schatten jemals zu Gesicht bekommt, so merken die anderen Menschen doch, dass etwas anders ist als sonst. Die Leute beginnen, hinter ihrem Rücken über sie zu reden. und weil sie glauben, die alte Dame sei verrückt geworden, gehen sie ihr aus dem Weg.

 

Als könnte es nicht noch schlimmer kommen, verliert Ophelia auch noch ihre Bleibe, weil sie die erhöhte Miete nicht aufbringen kann. Sie muss ihre Koffer packen und verlässt die kleine Stadt, die einst ihr Zuhause gewesen ist. Ziellos irrt sie umher, zieht von Ort zu Ort. Die Schatten begleiten sie stets und bemerken ihr Elend. Während Ophelia schläft, hecken sie einen Plan aus, wie sie der alten Dame, die so gut zu ihnen gewesen ist, helfen können. Sie wollen ein Theater gründen und spielen den Menschen ihre Stücke vor. Das alte Fräulein Ophelia kann so etwas Geld verdienen und kauft sich ein Auto auf dem in großen Buchstaben „Ophelias Schattentheater“ steht. Mit ihm und ihren Schatten fährt sie fortan um die weite Welt und erfreut die Menschen mit den Werken der großen Dichter. „Hier könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein, aber sie ist es nicht.Denn eines Tages im Winter bleibt das alte Fräulein mit ihrem Auto in einem Schneesturm stecken und begegnet einem fremden Schatten. Es ist der Tod. Ophelia überlegt kurz und beschließt, den Tod trotzdem bei sich aufzunehmen…

 

Wie es mit Ophelia und ihren Schattenfreunden weitergeht, wird hier nicht im Detail verraten, nur sei schon einmal so viel gesagt, dass es ein kindgerechtes Happy-End gibt, das in keinster Weise zum Gruseln ist, sondern vielmehr Mut macht und dem Thema Tod ein wenig das Unheimliche nimmt. Es zeigt, dass der Tod nicht unbedingt zum Fürchten ist, sondern auch gute Seiten hat und zum Leben dazu gehört.

 

Michael Ende ist mit „Ophelias Schattentheater“ ein fantastisches Kinderbuch gelungen, das einfühlsam und behutsam vom Sterben erzählt. Die schönen, vornehmlich in kühlen Blau- und Grüntönen gehaltenen Illustrationen von Friedrich Hechelmann geben die Geschichte und vor allem das Fräulein Ophelia lebendig wieder und unterstreichen die Ereignisse wirkungsvoll. In ihnen ist ein deutliches Muster zu erkennen, das auch die Kinder wahrnehmen werden: Ernste Momente werden in eher dunklen Tönen gemalt, schöne Momente etwas farbenfroher – und beim glücklichen Ausgang dieser wunderbaren Geschichte kommen endlich auch ein warmes Grün und ein sonniges Gelb zum Vorschein.

 

„Ophelias Schattentheater“ sollte in keinem Kinderzimmer fehlen: Es ist ideal geeignet, um Kindern das Thema Tod näherzubringen, aber es ist auch ohne diesen pädagogischen Aspekt ein hervorragendes Lesevergnügen mit einer anrührenden Geschichte und schönen Bildern!

 

Autorenportrait:

Michael Ende (1929 – 1995) hat in einer nüchternen, seelenlosen Zeit die fast verloren gegangenen Reiche des Phantastischen und der Träume zurückgewonnen. Er zählt heute zu den bekanntesten deutschen Schriftstellern und war gleichzeitig einer der vielseitigsten Autoren. Neben Kinder- und Jugendbüchern schrieb er poetische Bilderbuchtexte und Bücher für Erwachsene, Theaterstücke und Gedichte. Viele seiner Bücher wurden verfilmt oder für Funk und Fernsehen bearbeitet. Für sein literarisches Werk erhielt er zahlreiche deutsche und internationale Preise. Seine Bücher wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt und haben eine Gesamtauflage von 24 Millionen erreicht.

 

Illustratorenportrait:

Friedrich Hechelmann, geboren 1948 in Isny im Allgäu. An der Akademie der Bildenden Künste in Wien studierte er als Meisterschüler bei Professor Rudolf Hausner. 1972 erhält er den Preis der Wiener Akademie und hat seine erste Ausstellung in Wien, die den Grundstein für zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland legte. Er verfasst Drehbücher, arbeitet als Filmemacher und Opernausstatter und ist in der Kunstszene als Maler erfolgreich. Er lebt und arbeitet auf Schloss Isny im Allgäu.

Ophelias Schattentheater

Michael Ende

Ophelias Schattentheater

Mit Illustrationen von Friedrich Hechelmann

Thienemann Verlag, Stuttgart

ISBN 978-3-522-43598-7

1. Auflage 2008, 32 Seiten, durchgehend farbig illustriert, Hardcover gebunden, Format 24 x 30,5 cm.

Unverbindliche Preisangabe: € 14,90 (D) / € 15,40 (A) / sFr 27,50

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