Leserleben

Geschichten von Fürsten, Sammlern, Gelehrten und anderen Lesern

(mag). Sage mir, was Du liest und ich sage Dir, wer Du bist! Die Lesegewohnheiten eines Menschen können einiges über dessen Persönlichkeit verraten: Ist jemand ein Vielleser, liest er langsam, liest er Fachbücher oder romantische Liebesgedichte… Die wenigsten Menschen führen Liste darüber, welche Bücher sie wann gelesen haben, dabei wäre dies für Historiker eine unschätzbare Quelle. Die „Herzog August Bibliothek“ in Wolfenbüttel, die erste öffentliche Bibliothek in Deutschland, jedoch hat so genannte Ausleihbücher geführt, in denen die Leser, ihre Berufe und die ausgeliehenen Bücher verzeichnet wurden. Mechthild Raabe, die Ehefrau des berühmten Bibliothekars Paul Raabe, hat in 17-jähriger mühevoller Kleinarbeit diese Ausleihbücher aus den Jahren 1664 bis 1806 eingesehen, entziffert und ausgewertet. Nach ihrem Tod hat Paul Raabe sich aus der Fülle des Materials einige Leser ausgesucht und versucht, deren Lebens- und Lesensgeschichte zu erzählen. Der kleine Band „Leserleben“, den Paul Raabe seiner verstorbenen Frau gewidmet hat, ist eine wunderbare Verbeugung vor der Leistung von Mechthild Raabe und eine Liebeserklärung an das Lesen von Büchern.

 

Paul Raabe hat für „Leserleben“ 24 exemplarische Leser ausgesucht und jedem Leser ein Kapitel gewidmet. Die Lesetypen sind damals wie heute ganz unterschiedlich, da gibt es den „fürstlichen Leser“ (Herzog Ludwig Rudolf), die „ideale Leserin“ (Fräulein Charlotte Louise von Cramm) und den „gelegentlichen Leser“ (Johann Gottfried Herder). Zur Auswahl gehört natürlich Gotthold Ephraim Lessing („ein große Leser“), der von 1770 bis zu seinem Tod Bibliothekar in Wolfenbüttel war, aber auch der Torschreiber Anton Ulrich Meyer („Lessings erster Leser“ – er lieh sich als erster Lessings „Trauerspiele“ aus der Bibliothek aus) und zahlreiche Schüler aus Wolfenbüttel.

 

Aus den Ausleihbüchern erfährt man nur wenig über die eigentliche Person. Wenn es sich nicht um bedeutende Schriftsteller oder Gelehrte handelt, sind die Fakten recht dünn. Doch Paul Raabe nimmt die wenigen Indizien und versucht mit Hilfe seines Wissens über die damalige Zeit, die Person kennen zu lernen. Mit viel Phantasie und Einfühlungsvermögen werden unter anderem der unglückliche Major, die schöne junge Frau und der fleißige Schriftsteller sowie die einfachen Leute lebendig. Man sieht die Personen geradezu vor sich, wie sie mit den Büchern unterm Arm aus der Bibliothek nach Hause eilen. Nicht alle Schlussfolgerungen mögen richtig sein: Wenn zum Beispiel ein Mann romantische Geschichten ausleiht, heißt das noch nicht, dass er ein besonders einfühlsamer Mensch war, vielleicht hat er auch nur seiner Frau etwas zum Lesen mitgebracht. Doch hier kann der Leser von „Leserleben“ seiner Phantasie freien Lauf lassen. Das kenntnisreiche Bändchen erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch, aber der interessierte Leser erfährt viel über die damalige Zeit, das Leben der Menschen und die Bedeutung von Büchern. Gleichzeitig ist „Leserleben“ sehr unterhaltsam geschrieben, so dass es schade ist, dass Paul Raabe nur 24 Leser ausgesucht hat.

„Leserleben“ ist ein großes Lesevergnügen für und über Menschen, die sich ein Leben ohne Bücher nicht vorstellen möchten!

 

Autorenportrait:

Paul Raabe, geboren 1927 in Oldenburg (Oldb). Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Diplombibliothekar. Studium in Hamburg. 1957 Promotion. 1958-68 Leiter der „Bibliothek des Deutschen Literaturarchivs“ in Marbach am Neckar. 1967 Habilitation. 1968-92 Direktor der „Herzog August Bibliothek“ Wolfenbüttel. 1992-2000 Direktor der „Franckeschen Stiftungen“ in Halle an der Saale. Zahlreiche Veröffentlichungen und viele Ehrungen, zuletzt Ehrenmedaille der „Zeit“-Stiftung.

Leserleben

Paul Raabe

Leserleben

Geschichten von Fürsten, Sammlern, Gelehrten und anderen Lesern

Arche Verlag, Zürich

ISBN 978-3-7160-2383-9

1. Auflage 2008, 204 Seiten, Hardcover gebunden mit Lesebändchen.

Unverbindliche Preisangabe: € 22.- (D) / € k. A. (A) / sFr 39.-

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