Kitsch – Balsam für Herz und Seele
Was ist schon Kitsch und was ist noch Kunst?
(mag).
Das Bild einer glutäugigen, leicht bekleideten Zigeunerin aus dem Kaufhaus,
ein güldenes Plastikmodell des Petersdoms mit roten Fensterscheiben, kleine
bunte Oblaten mit süßlichen Kinderdarstellungen, der gerahmte röhrende
Hirsch über dem Sofa – das alles ist fürchterlich kitschig. Ganze
Industriezweige leben von der Herstellung all dieser „Kostbarkeiten“, und manches
selbst gebastelte Geschenk ist auch nicht wirklich große Kunst. Ausgehend
von der These, dass Kitsch zu unserem Leben einfach dazugehört, versucht
Autorin Gabriele Thuller in ihrem Sachbuch „Kitsch – Balsam für Herz und
Seele“ herauszufinden, was Kitsch eigentlich ist und wie er sich von wahrer
Kunst abgrenzt.
Anhand von erotischen Kunstpostkarten, schwülstigen Bildern und galanten Nippes-Gegenständen zeigt Gabriele Thuller das Zusammenspiel von Erotik und Kitsch. Außerdem findet sie Kitsch in zahlreichen Alltagsgegenständen und Landschaftsbildern. Selbst so unterschiedliche Bereiche wie Religion und Politik sind nicht frei von Kitsch. Gabriele Thuller zeigt anhand von prägnanten Beispielen aus der bildenden Kunst und dem Kunsthandwerk die unterschiedlichsten Auswüchse von Kitsch. Im letzten Kapitel ihres unterhaltsamen Buches zeigt sie Beispiele für die so genannte „Kitsch-Art“, die als Tendenz in der zeitgenössischen Kunst die aberwitzigsten Blüten treibt.
Obwohl Gabriele Thuller zu Beginn ihres Buches „Kitsch – Balsam für Herz und Seele“ eine erste Definition von „Kitsch“ gibt, bleibt die Bedeutung des Begriffes schwammig. Der aufmerksame Betrachter merkt sehr schnell, dass das Empfinden für Kitsch sehr viel mit dem eigenen Geschmack zu tun hat und die Grenzen daher fließend sind. Gabriele Thuller zitiert in ihrem Text sehr viele kluge Sätze von Philosophen, schafft es jedoch kaum, einen eigenen überzeugenden Standpunkt zu finden. Ihre Schlussfolgerung, die politische Kunstrichtung „Sozialistischer Realismus“ sei reine Propaganda und daher nichts anderes als Kitsch, ist als Gedankengang zu oberflächlich. Auch ihr Totschlagargument, alles, was nachgemacht wird und jedes Remake sei Kitsch, ist zu simpel und würde zum Beispiel die Renaissance falsch bewerten.
Der letzte Teil des Buches „Kitsch – Balsam für Herz und Seele“ wirkt wie aus einem anderen Zusammenhang herausgerissen. Hier stellt sie Arbeiten von Künstler wie Jeff Koons, Milan Kunc, Nicky Hoberman und anderen vor, bleibt aber für den Leser teilweise unverständlich. Gabriele Thuller gelingt es nicht, schlüssig zu argumentieren, warum zum Beispiel ein Werk von David Godbold kein Kitsch sein soll. Nur weil das Schutzengelbild den Titel „America's Hope, Nr. 3“ trägt? Die Autorin hätte an manchen Stellen weniger Zitate als selbst formulierte schlüssige Argumente bringen sollen. Wenn sie sich von dem halbakademischen Stil ein bisschen mehr zum journalistischen hingewandt hätte, wäre dies dem spannenden und interessanten Buch gut bekommen.
Das in goldglänzendes Bezugspapier eingebundene Sachbuch „Kitsch – Balsam für Herz und Seele“ ist mit vielen farbigen, teilweise blattgroßen Bildern illustriert. Zu jeder Fotografie gibt es eine Legende, die den Künstler und den Titel des Bildes beziehungsweise eine kurze Beschreibung des Abgebildeten wiedergibt. Leider steht bei keinem Bild, wann es entstanden ist. Das ist besonders schade, da Gabriele Thuller mehrfach darauf hinweist, dass Kitsch auch immer eine Zeiterscheinung ist. Der neugierige Leser kann sich die Daten mühsam aus dem Abbildungsnachweis raussuchen, was aber bei der kleinen Schriftgröße recht mühsam ist.
Das Sachbuch „Kitsch – Balsam für Herz und Seele“ ist ein guter Einstieg, um sich mit dem Phänomen des Kitsches und seiner Auseinandersetzung in der Philosophie zu beschäftigen. Wie der Kitsch selbst, provoziert es Widerspruch und heftige Auseinandersetzungen. Die klug ausgewählten Bilder sind eine Augenweide und lassen den Betrachter in herrlich schaurigem Entsetzen all die „Scheußlichkeiten“ genießen, zumal ja jeder von sich glaubt, einen guten Geschmack zu haben. Die vielen Zitate laden zum Weiterlesen der Autoren, die alle im Literaturverzeichnis aufgeführt werden, ein.
„Kitsch – Balsam für Herz und Seele“ ist ein schaurig-schönes Buch über den schlechten Geschmack, den natürlich nur die anderen haben.
Autorenportrait:
Dr. Gabriele Thuller arbeitete über mehrere Jahre als freie Mitarbeiterin beim „ORF“ und bei verschiedenen Zeitungen. Als Kulturpolitikerin engagierte sie sich in verschiedenen Bereichen der Kunst, Kultur, Architektur und Stadtgestaltung. Sie lebt und arbeitet in Klagenfurt als freie Schriftstellerin und hat in Fachzeitschriften und Journalen zu unterschiedlichen kunstgeschichtlichen Themen publiziert.
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