Gretas Verwandlung
Ein raffinierter Psychothriller vor mallorquinischer Kulisse
(jaf).
Eigentlich ist der Ort wie geschaffen für den perfekten Traum: „Am
Horizont gingen Wasser und Himmel ineinander über, als seien sie Farbschleier
auf einer ungrundierten Leinwand. Oben befand sich ein fast weißes Grau,
das sich sinkend mit Blautönen mischte und auf Höhe des Horizontes
ein smaragdenes Grün aufnahm, körnig durchsetzt mit türkisfarbenen
Tupfen, die wie Kiesel oder wie Töne über das Wasser hüpften,
auf- und abschwellend im Gleichklang mit dem Lachen der spanischen Kinder und
den gurgelnden Rufen der jungen Männer, von denen die Bucht widerhallte.“
– Ein Postkartenidyll wie gemalt, Mallorca von seiner schönsten Seite.
Doch dabei bleibt es nicht lange, denn „Gretas Verwandlung“ ist kein illustrer
Reiseführer, sondern ein Psycho-Thriller, wie er raffinierter kaum funktionieren
könnte.
Der Plot: Eva und York sind jung, stolpern jugendlich-selbstvergessen durchs Leben. Beide stranden auf dem spanischen Urlaubseiland, treffen wie zufällig aufeinander und empfinden schnell eine gewisse Zuneigung füreinander. Bald geht ihnen das Geld aus, weshalb es sich zunächst als Glück erweist, dass ganz plötzlich der Hüne Roland auftaucht und ihnen väterlich freie Kost und Logis in seinem Ferienhaus anbietet. Dankbar nehmen die beiden an, doch schnell wird klar: Irgend etwas stimmt nicht. Das Idyll mit Meerblick wird zum Gefängnis. Das Haus liegt in völliger Abgeschiedenheit, Roland beginnt, Türen abzuschließen und die beiden wie Hänsel und Gretel fest zu halten. Ein Ring im Pool, bergeweise tiefrote Schuhe in abgeriegelten Zimmern und Fotos einer Frau lassen erahnen: Hier muss ein dunkles Geheimnis lauern.
Nicht von ungefähr bedient sich Autorin Sabine Alt beim Klassiker Alfred Hitchcock, entleiht sich die „Marnie“-Figur und spielt mit dem Motiv der Farbe Rot – alles dazu in szenischer Präzision, gesehen durch das Auge einer Kamera. Die Geschichte steigert sich, immer enger zieht sich die Schlinge um York und Greta, die Roland an jemanden zu erinnern scheint. Die Erzählung ist von subtiler Schärfe, sie umkreist den drohenden Alptraum heimlich wie eine Katze – ohne, dass tatsächlich wirklich Schlimmes geschieht. Dennoch sind es die Zeichen, die Nackenhaare zum Stehen bringen: „Das rote Tuch dort unten über dem Zaun. Es flatterte wie zum Hohn im anschwellenden Luftzug. Sieh her, ich bin da, rief es. Ich bin ein Geheimnis, das Du nicht entschlüsseln wirst. Vielleicht kann es Greta, die über besseres Schuhwerk verfügt und geübter im Klettern ist, vielleicht bin ich sogar ihr ureigenes Geheimnis. Doch du wirst dich überraschen lassen müssen von den Dingen, die geschehen werden oder auch nicht. Sie werden dich überrollen und dich unvorbereitet finden und ahnungslos wie ein Kind.“
Ein Sog scheint Greta und York fest im Griff zu haben, der Kraft zieht aus Rolands treuer Fürsorge und dem Wunsch der beiden, Licht in dessen dunkle Vergangenheit zu bringen. Selbst, als Greta die Chance hat, aus der bedrückenden Enge zu fliehen, kehrt sie zurück. Bei Geiselnahmen heißt so etwas „Stockholm“-Syndrom: eine Art positiver emotionaler Bindung zu dem Entführenden wird freigesetzt. Der Leser ist dabei mittendrin im abgründigen, psychologischen Kabinettstück, er bangt, zweifelt, grübelt und zittert.
Dass am Ende keine überraschende, trickreiche Wendung mehr lauert, enttäuscht ein wenig, wenngleich die fesselnde Wirkung bleibt. „Gretas Verwandlung“ ist ein Buch, das durchaus in den gepackten Mallorca-Koffer gehört – um mit spätabendlichem Nachtgrusel zu überlegen, welche Abgründe in den kleinen Berg-Fincas schlummern könnten…
Autorenportrait:
Sabine Alt, 1959 in Berlin geboren, studierte Deutsch, Mathematik und Pädagogik, legte beide Staatsexamina ab und unterrichtete an einem Berliner Gymnasium. 1995 zog sie mit ihrer Familie ins Ruhrgebiet und begann zu schreiben. Seit 2003 lebt sie wieder in Berlin.
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