Goethe. Zum Sehen geboren – Zum Schauen bestellt
Zwei Comics in einem Sammelband
(hpe).
Als Johann Wolfgang von Goethe am 22. März 1832 starb, lag ein Dasein hinter
ihm, wie es vor allem damals wohl kaum jemand geführt hat. Nicht nur, dass
er mit seiner Dichtkunst die Menschen seiner Zeit beeinflusst hat, er hat auch
ein ungeheuer erfülltes Leben geführt. Wie sehr das eine das andere
bedingte, zeigt der sehr lehrreiche und authentische Comic-Sammelband „Goethe.
Zum Sehen geboren – Zum Schauen bestellt“ von Autor Friedemann Bedürftig.
Er besteht aus zwei Teilen, die kaum unterschiedlicher sein könnten: Im ersten zeigen in Sandtönen gehaltene Zeichnungen von Christoph Kirsch Goethes Jugend in Frankfurt, seine Studienzeit, seine sprunghaften Liebeleien und die Anfänge seines Schreibens. Früh wird klar, dass aus dem ungestümen Lebemann kein Jurist wird, wie es der Vater für ihn vorgesehen hat. Die Neugier auf die Welt und wie sie funktioniert treibt den jungen Mann um und hinaus in die Welt. Er befasst sich mit dem Glauben, mit der Chemie, dem Wein und der Natur gleichermaßen. Parallel entdeckt er seine Freude am Schreiben. Erste Texte entstehen. Und immer wieder lockt das Weib. Es heißt mal Friederike, mal Lotte, mal Lili und mal Charlotte. Nur eines ist ihnen allen gemein: Keine kann Goethe halten, sein Durst nach Wissen ist immer stärker als seine Liebe.
Autor Friedemann Bedürftig gelingt es mit immer wieder eingeflochtenen Passagen aus Goethes Dramen, Gedichten oder Bühnenstücken sehr gut, das Untrennbare zwischen Goethes Leben und seinem Werk zu erfassen. Der Dichter muss erleben, um schreiben zu können. Sein Opus ist das Produkt seiner Erfahrungen. Nur so funktioniert Goethe. Doch was dem ersten Teil fehlt, ist genau das, was auch Goethe fehlte: ein Anker, der ihn halten kann. Der Leser wird durch das Leben des Genies gescheucht und kommt kaum dazu, mal Luft zu holen. Hinzu kommt, dass die „Heile-Welt-Bilder“ von Christoph Kirsch zwar sehr gut und detailliert gezeichnet sind, aber immer eine Perspektive von oben bieten. So kommt man der Biografie und dem Werk Goethes zwar nah, nicht aber ihm selbst.
Der Kontrast zum zweiten Teil könnte da größer nicht sein: Thomas von Kummant (Zeichnungen) und Benjamin von Eckartsberg (Kolorierung) verpassen dem alternden Dichter-Star Furchen, gehen ganz nah an und in sein Gesicht. Vom ersten Bild an entsteht eine düstere, fesselnde Atmosphäre, man wird unweigerlich hineingezogen in dieses Leben. Der Kunstgriff, Situationen aus dem „Faust“ mit Goethes Leben zu verweben, glückt vollauf und macht auf eine noch eindrucksvollere Weise deutlich, dass der vom Teufel herausgeforderte Rechtschaffene das Alter Ego des großen Dichterfürsten ist.
Dankbar ist natürlich, dass Goethe inzwischen in Weimar seine Heimat und mit Christiane Vulpius seine Frau gefunden hat. Doch seine Begegnungen und Gespräche mit Beethoven und dem Freund Schiller machen deutlich, dass auch kurze Episoden intensiv dargestellt werden können. So gerät dieser virtuose zweite Abschnitt zu einem Meisterwerk, das in einem gleichermaßen poetischen wie genialen Ende kulminiert.
Und mit diesem Eindruck gibt es nur eine Empfehlung, was man mit dem Sammelband „Goethe. Zum Sehen geboren – Zum Schauen bestellt“ tun sollte: kaufen!
Autorenportrait:
Friedemann Bedürftig, geboren 1940 in Breslau, studierte Geschichte und Germanistik in Tübingen und arbeitete als Lexikonredakteur, Verlagslektor und Journalist.
Illustratorenportrait:
Christoph Kirsch, 1971 in Ludwigshafen am Rhein geborenen, profilierte sich nach seiner multimedialen Abschlussarbeit an der „Kunstakademie Groningen“ über „ Die Märchen der Gebrüder Grimm “ vor allem als Gestalter pädagogischer Lehrwerke für das „Goethe Institut“ sowie als Kinderbuchillustrator.
Thomas von
Kummant, geboren 1972, besuchte die „Deutsche Meisterschule für Mode“ in
München und ist seit 1999 Mitglied der Münchner Ateliergemeinschaft
„Die Artillerie“. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit Illustrationen für
Verlage, Zeitschriften und Filmproduktionen.
Benjamin von Eckartsberg, geboren 1970, studierte an der FH in München
Kommunikations-Design und ist seit 1995 Mitglieder der Münchner Ateliergemeinschaft
„Die Artillerie“. Seit 1993 arbeitet er als freiberuflicher Illustrator für
Verlage, Werbung, Film und Fernsehen.
© Copyright by: *tipp Redaktionspool Butjadingen