Eines Menschen Herz

Tagebuch eines englischen Literaten, Kunsthändlers und Spions

Eines Menschen Herz(mag). Man kann sich gut vorstellen, dass es einem Schriftsteller reizen kann, sich die Biographie eines imaginären Literaten im 20. Jahrhundert auszudenken. Das letzte Jahrhundert ist voller Ereignisse, die die unglaublichsten Lebensläufe hervorgebracht haben. Nachdem der englische Schriftsteller William Boyd die fiktive Vita des amerikanischen Malers Nat Tate, inklusive umfangreichen Werks, geschrieben hat und damit zunächst die amerikanische Kunstszene erfolgreich an der Nase herumgeführte, veröffentlicht er nun unter dem Titel „Eines Menschen Herz“ die intimen Tagebücher des Schriftstellers Logan Gonzago Mountstuart.

 

Die ersten Jahre seines Lebens verbringt Logan Gonzago Mountstuart in Uruguay, wo er 1906 als Sohn eines englischen Fleischfabrikanten und dessen uruguayischer Sekretärin geboren wird. Die Familie geht kurz vor dem Ersten Weltkrieg nach England, wo sie zunächst in sehr wohlhabenden Verhältnissen lebt. Logan Gonzago Mountstuarts Tagebuch setzt im Alter von 17 Jahren ein, darin beschreibt er seine tragikomischen Erlebnisse während des letzten Schuljahres im Internat. Nach der Schule studiert er in Oxford und schreibt eine hoch gelobte Shelley-Biographie. In seinem wechselvollen Leben wird er insgesamt vier Bücher veröffentlichen, die ihn jedoch nur phasenweise ernähren können. Logan Gonzago Mountstuarts verdient sein Geld als Journalist, schreibt Buchrezensionen und Reiseberichte. Während des Zweiten Weltkrieges stolpert er in die Rolle eines englischen Spions auf den Bahamas und wird in der Schweiz inhaftiert. In der Nachkriegszeit arbeitet er als Kunsthändler in Europa und New York, wo er besagtem Nat Tate einige Bilder abkauft. Den Lebensabend seines facettenreichen Lebens verbringt er in einem beschaulichen Dorf in Frankreich, bis er 1991 im hohen Alter stirbt.

 

In der fiktiven Biographie „Eines Menschen Herz“ spiegelt sich einerseits die wechselvolle europäische Geschichte (zwei Kriege, Weltwirtschaftskrise, deutsche Terroristen etc.) wider, andererseits steht das Leben Logan Gonzago Mountstuarts exemplarisch für die kulturellen Befindlichkeiten in der Literatur und der Kunst in dieser Zeit. Die politischen Ereignisse und Kunstströmungen werden jedoch nicht kommentiert oder gar analysiert. Logan Gonzago Mountstuarts trifft so gut wie jeden bedeutenden Schriftsteller und Künstler seiner Zeit (Ernest Hemingway, Virginia Woolf, Evelyn Waugh, Picasso und andere). Die Begegnungen sind oft herrlich persifliert, und so wundert es auch nicht, dass er seine Spionagetätigkeit dem Erfinder der James Bond-Romane, Ian Fleming, verdankt.

 

Logan Gonzago Mountstuart stolpert durch sein Leben, wird von Schicksalsschlägen getroffen und trifft teilweise recht seltsame Entscheidungen. Sein Sozialverhalten ist egozentrisch und sein Lebensstil eher passiv, überhaupt lässt den Leser diese Lebensgeschichte seltsam unberührt. Die sich wiederholenden Sex- und Alkoholgeschichten sind zunehmend ermüdend. Logan Gonzago Mountstuart ist nicht unsympathisch, seine Tagebuchaufzeichnungen sind jedoch genauso oberflächlich wie er selbst. Es klingt beeindruckend, wenn jemand Spion war, als Kunsthändler in New York gearbeitet und mehrer Bücher veröffentlicht hat, aber in Grunde ist dessen Leben fürchterlich banal. Nur die Tagebucheinträge, in denen er seine Trauer über den Verlust seiner Frau und seiner kleinen Tochter beschreibt, lassen für kurze Zeit einen liebenden, emotionalen Menschen erkennen, der sich jedoch schnell wieder hinter der Fassade des Salonlöwen verliert.

 

Autor William Boyd hat mit seinem lesenswerten Roman „Eines Menschen Herz“ eine interessante vielschichtige Persiflage auf ein erfolgloses Künstlerleben im 20. Jahrhundert geschrieben. Wenn Logan Gonzago Mountstuart sich fragt, „Ist unser Leben nur die Summe unserer Lügen? (Leben und Lügen – nur durch zwei Buchstaben unterschieden)“, trifft dies zumindest für dessen Lebensgeschichte zu. Das Buch ist konsequent im Tagebuchstil geschrieben, wobei der Stil des jungen Mannes sich von dem des alternden Greises kaum unterscheidet. Das Tagebuch wurde nicht durchgehend geschrieben, fehlende Stellen ergänzt der „Herausgeber“ durch kurze Erläuterungen. „Eines Menschen Herz“ wurde von Chris Hirte aus dem Englischen übersetzt. Im Anhang des Buches befinden sich eine Publikationsliste und ein Register, das Personen und eine akribische Auflistung der Ereignisse enthält.

 

„Eines Menschen Herz“ ist ein unterhaltsames Buch für alle, die gerne hinter die glamouröse Fassade eines vermeintlichen Bohemiens schauen.

 

Autorenportrait:

William Boyd, geboren 1952, wuchs in Ghana und Nigeria auf. Er studierte in Nizza, Glasgow und Oxford, bevor er als Lektor und Drehbuchautor arbeitete. Für seine literarischen Arbeiten erhielt er unter anderem den „Costa Award“ und den „Somerset Maugham Award“. Sein Roman „Ruhelos“ wurde innerhalb kürzester Zeit zum internationalen Bestseller.

Eines Menschen Herz

William Boyd

Eines Menschen Herz

Aus dem Englischen von Chris Hirte

Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin

ISBN 978-3-8333-0508-5

1. Auflage 2009, 512 Seiten, Taschenbuch.

Unverbindliche Preisangabe: € 11,90 (D) / € 12,30 (A) / sFr k. A.

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