Ein todsicherer Job
Ein Betamännchen als Seelenretter
(jaf).
Charlie hält sich für ein Betamännchen. Ein wirklich schlimmes
Schicksal ist das nicht, man muss sich eben nur seiner Fähigkeiten bewusst
sein: Das Betamännchen ist selten das Stärkste oder Schnellste,
doch da es die Gefahr vorhersieht, ist es seinen Konkurrenten, dem Alphamännchen,
zahlenmäßig weit überlegen. Die Welt wird von Alphamännchen
regiert, doch drehen sich ihre Räder um die Achse des Betamännchens.
Betamännchen Charlie ist damit ein klassischer Anti-Held. Nachdem er seine
Frau kurz nach der Geburt seines ersten Kindes verliert, fällt ihm aus
heiterem Himmel (oder der Hölle, je nachdem) die große Aufgabe zu,
als Todesbote die Seelen Verstorbener sicher an ihren Bestimmungsort zu befördern
und eines Tages sogar dafür zu sorgen, dass das Gleichgewicht zwischen
Ober- und Unterwelt nicht ins Wanken gerät.
Einigermaßen abgedreht ist sie, die Geschichte von Ein todsicherer Job aus der Feder vom amerikanischen Erfolgsautor Christopher Moore. Der nur partielle Abschied vom Realen tut dem Charme dieses Romans aus einem ziemlich over-gecrossten Genre irgendwo zwischen Science-Fiction-Horror-Splatter-Psycho keinen Abbruch, im Gegenteil: Christopher Moore, wunderbar aus dem Englischen von Jörn Ingwersen übersetzt, plaudert so ungemein lakonisch und mitreißend selbstverständlich von den abstrusesten Verstrickungen, mit denen Charlie qua neuem Lebens- beziehungsweise Todes-Auftrag konfrontiert ist, dass alles in sich stimmig bleibt: Er wusste, dass alles, was ihm in den letzten vierundzwanzig Stunden zugestoßen war, für die meisten Menschen die Grenzen des Möglichen sprengte, und da sein einziger Zeuge jemand war, der sich für den Kaiser von San Francisco hielt, würde Charlie nie im Leben irgendjemanden davon überzeugen können, dass ihn Riesenraben mit Schnabelgeruch verfolgt und angegriffen hatten und er von einem heißblütigen Orakel in Fick-mich-Pumps zum Fremdenführer unerforschter Gefilde erklärt worden war. Genau. Wer sollte Charlie da widersprechen.
Christopher Moore zeichnet Charlie als originell-sympathischer Typen, der imstande ist, von jetzt auf gleich Leserherzen für sich und die Notwendigkeit seines absonderlichen Auftrags zu gewinnen. Bunt versammelt scharen sich skurrilste Typen um ihn: Seine beiden Angestellten Ray, der das weltweite Web permanent auf der Suche nach heiratswilligen Thailänderinnen durchforstet, und die halbstarke, gelegentlich rothaarige Nelkenzigarettenrauchende Grufti-Schönheit Lily. Dazu gibt es die jüdische Verwandtschaft seiner verstorbenen Frau, die lesbische Schwester Jane und nicht zuletzt Charlies kleine Tochter Sophie, der Daddys neue Fähigkeit ebenfalls in den Genen liegt und die mit nur einem Wort (Mietzi) bald nicht nur Hamster und Schildkröten, sondern auch weitaus größere Lebewesen ins Jenseits befördern kann.
Komisch, zynisch, bissig, packend: Christopher Moore erzählt Charlies Geschichte so plausibel und hinreißend, noch dazu mit einer guten Portion Lokalkolorit. Denn Ein todsicherer Job spielt in San Francisco und immer wieder untermalt diese Stadt das Setting perfekt: Mal ist es die Nebeldecke über der Bay, aus der die großen, orangefarbenen Türme der Golden Gate Bridge aufragen wie die Möhrennasen schlafender Zwillingsschneemänner , dann der Plattenladen in den Haights der ehemaligen Blumenkinder, die emsig schnarrenden Cable Cars sind genauso dabei wie Schneidereien in Chinatown, oder eben: das stets gefährliche Leben in Downtown: Will man sich in San Francisco von einem Bus überfahren lassen, ist der 41er die beste Wahl, denn er bietet einen hübschen Ausblick auf die Brücke.
Der Tod ist allgegenwärtig, nicht zuletzt auch in den mythologischen Anleihen zur Beschreibung der heraufziehenden, lauernden Gefahr. Und trotz allen schrägen Humors, irgendwie ist da der Glaube, den dieses Buch auch trägt, überaus beruhigend: Irgendjemand passt irgendwie schon auf unsere Seele auf. Ob nun Betamännchen. Oder 50 Zentimeter große Hörnchenmenschen in Kostümen aus dem 17. Jahrhundert
Autorenportrait:
Christopher Moore, ehemaliger Journalist, arbeitete als Dachdecker, Kellner, Fotograf und Versicherungsvertreter, bevor er anfing, Romane zu schreiben. Seine Romane haben in Amerika längst Kultstatus, und auch im deutschsprachigen Raum wächst die Fangemeinde beständig. Er liebt nach eigenen Angaben: den Ozean, Elefanten-Polo, Käsecracker, Acid Jazz und das Kraulen von Fischottern. Er mag aber weder Salmonellen noch Autoverkehr und erst recht nicht gemeine Menschen. Der Autor von Die Bibel nach Biff und Flossen weg! lebt auf Hawaii.
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