Du fehlst
Ein ergreifender Mutter-Tochter-Roman der besonderen Art
(jed).
Schon von der ersten Seite an habe ich dieses Buch geliebt. Nicht nur, weil
ich weiß, wie glücklich der Duft von frischgebackenem Brot macht,
sondern, weil Joyce Carol Oates in „Du fehlst“ Emotionen unterbringt, für
die ein Menschenleben allein eigentlich nicht ausreichen und man hier Leute
trifft, denen man nur zu gerne einmal „Hallo“ sagen möchte.
In fünf Teilen berichtet die anfangs noch nicht so ganz erwachsene Tochter von Gwen Eaton, Nikki, zuerst ein wenig rotzig und zynisch von ihrer Familie: Alles beginnt mit einem Muttertagsessen, mit Erinnerungen an den bereits verstorbenen Vater und vergangene Thanksgiving- oder Weihnachtsfeste. Nikki fühlt sich unwohl inmitten ihrer Verwandten und Bekannten, in ihrem Elternhaus, betrachtet alles mit Argwohn und einer gewissen Distanz. Als sie dann Tage später ihre ermordete Mutter auffindet, ist nichts mehr, wie es einmal war. Während ihre Schwester Clare sich zurückzieht, konfrontiert Nikki sich mit der Geschichte ihrer Mutter, die ja untrennbar mit ihrer eigenen verwoben ist.
„Kneten ist einfach, Nikki! Stäub dir die Hände ein. Streu so lange Mehl aufs Brett, bis der Teig nicht mehr klebt. Gut“ Als Nikki beginnt, alte Rezepte ihrer Mutter nachzubacken, fühlt sie sich ruhig und glücklich, manchmal jedoch weint sie dabei, und irgendwann ist sie überrascht, dass sie es überhaupt schafft, Brote statt Steine zu backen. Früher hat sie sich dagegen gewehrt, wie ihre Mutter zu sein, gar ein solches Leben zu führen, doch mit jedem Laib, den sie fertig backt, kommen mehr Erinnerungen, traurige, schöne, aber auch ganz neue Geschichten ans Tageslicht. Viele Nachbarn und Freunde haben noch tiefgekühlte Brote, die Gwen einmal buk, bei sich zuhause, und nach und nach sucht Nikki alle auf, teilt mit ihnen die Erinnerungen – und das Brot.
Später kommt auch noch anderes Gebäck hinzu – fast bildlich für die wiedergewonnene Süße des Lebens gibt es Muffins und Zimtschnecken und das, was die alte Nikki“ sich nie zugetraut hat, schafft die neue Nikk“ – Nicole – plötzlich: An sich und das Leben zu glauben – bei allen Schwierigkeiten und Emotionen, die sich über ihr entladen. Nicole Eaton erfährt, was es heißt, gelebt zu haben – Leben, das war das Wichtigste, alles weitere ist schon ein Extr“ – und lernt endlich selbst zu leben. Die Menschen, die sie auf diesem Weg begleiten, sind die ganz normal-besonderen Kleinstadtmenschen, die es überall gibt. Auch diese Art von Verwandten kennt jeder von uns. Vielleicht fällt es gerade deshalb so leicht, sich in dieser Umgebung zurechtzufinden und all diese Wege mit Nikki zu gehen.
Bestsellerautorin Joyce Carol Oates hat mit „Du fehlst“ eine Geschichte über ein Trauerjahr vorgelegt, die es wert ist, mehrfach gelesen zu werden. Ihr Roman, aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz übersetzt, ist wütend und sanft zugleich – ein Buch zum Nicht-mehr-aus-der-Hand-legen!
Autorenportrait:
Joyce Carol Oates, geboren 1938 in Lockport (NY), ist eine der profiliertesten amerikanischen Autorinnen der Gegenwart. Seit ihrem ersten Roman „The Garden of Earthly Delights“ (1967) entwirft sie in ihren Short Stories und Romanen Bilder eines Amerikas, das äußerlich den Mythos vom American Dream verkörpert, aber innerlich entfremdet zerfällt. Sie unterrichtet in Princeton Literatur.
© Copyright by: *tipp Redaktionspool Butjadingen