Die Offenbarung
Von der Liebe zur und der Macht der Musik
(tos).
In seinem Roman „Die Offenbarung“ hat Autor Robert Schneider einen Gescheiterten
zur Hauptfigur erkoren: Jakob Kemper wird schon in der Schule „Kemper der
Stümper“ genannt, doch Erfolg ist ihm auch im späteren Leben
nicht beschieden. Er scheitert als Komponist, als Dirigent gleichermaßen.
Und auch die Wissenschaft erweist sich nicht als sein Metier, beschränkt
der Bach-Verehrer sich doch auf Forschungsgegenstände wie Johann Theiles
Kantate „Mein Jesus schwimmt in meinem Munde“. Seinen Lebensunterhalt verdient
er, indem er mehr oder weniger begabten Kindern Orgel- und Klavierstunden gibt.
Ehrenamtlich ist der 1947 geborene Jakob Kemper Organist der Kirche St. Wenzel
in Naumburg. Und eben dieser Jakob Kemper, der nie wirklich aus Naumburg herausgekommen
ist, wird zum Entdecker einer völlig unbekannten Bach-Komposition mit dem
Titel „Die Offenbarung“.
Nach dieser sensationellen Entdeckung verbarrikadiert sich Jakob Kemper in seiner Wohnung, bekreuzigt sich intuitiv und beginnt zu lesen. Was in der Partitur zum Vorschein kommt ist „ein Wetterleuchten aus Dissonanzen“, alle bisher geltenden Gesetze der Harmonie sind in diesem Spätwerk Johann Sebastian Bachs aufgehoben. Noch nie hatte Kemper „so geheimnisvolle, geradezu geisterhafte Musik gehört“ – und die Geister lassen in der Tat nicht lange auf sich warten. Wer die Komposition der Offenbarung hört, wer sich deren Klänge imaginiert ist konfrontiert mit unheimlichen Gestalten, mit Kindheitserinnerungen, der eigenen Schuld, der eigenen Zukunft. Diese Musik erweist sich als weit mehr als bloße Musik. Es ist ein Abglanz des Göttlichen, die Schau ins eigene Herz, die Konfrontation mit „unseren tiefsten, allertiefsten Verfehlungen“. Somit erweist sich der Jahrhundertfund noch 246 Jahre, nachdem er in der Naumburger Orgel versteckt wurde, als Fluch für den, der ihn liest und ist weit davon entfernt, Jakob Kemper den ach so ersehnten Ruhm endlich zu bringen.
Robert Schneider hält die Zügel der einzelnen Erzählfäden locker in der Hand. Verwoben in die Handlung sind – unglückliche – Liebesbeziehungen, ein aufgeweckter Halbbruder, ein unter ungeklärten Umständen verstorbener Bruder, nicht gerade vorteilhaft gezeichnete Vertreter der Bachgesellschaft, jede Menge Musikgeschichte, in kleinen Dosen freilich, und zu guter Letzt taucht noch ein misanthroper alter Mann auf – der Meister selbst, Johann Sebastian Bach. Um all sie rankt sich in diesem tragikomischen Roman die Frage nach der Liebe zur und der Macht der Musik. Eine Antwort vermag das Buch „Die Offenbarung“ nicht zu geben. Der Autograph verschwindet wieder dorthin, von wo er gekommen ist: in die Dielen der Hildebrandt-Orgel zu Naumburg. Bis ein anderer die Partitur findet. In 246 Jahren vielleicht.
Autorenportrait:
Robert Schneider, geboren 1961, lebt als freier Schriftsteller in Meschach, einem Bergdorf im vorarlbergischen Rheintal. Sein Debütroman „Schlafes Bruder“ wurde zum Welterfolg mit Übersetzungen in 32 Sprachen. Außerdem veröffentlichte er mehrere Romane und Erzählungen.
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