Die kommende Welt
Eine Familiesaga, die eng mit einem Chagall-Bild verbunden ist
(mag).
Wenn man bei einem Museumsbesuch ein Gemälde an der Wand betrachtet, vergisst
man leicht, dass das Bild auch eine Vorgeschichte hat und vielleicht einmal
bei einer Familie über dem Bett oder im Wohnzimmer gehangen hat. Angeregt
durch einen Kunstraub eines Chagall-Bildes im jüdischen Museum in New York
2001 hat die amerikanische Schriftstellerin Dara Horn in ihrem Buch „Die kommende
Welt“ die wechselhafte Geschichte einer fiktiven jüdischen Familie und
eines Chagall-Bildes von den frühen zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts
in Russland bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts in Amerika geschrieben.
Als Ben Ziskind auf einer Single-Party im Jüdischen Museum in New York die ausgestellten Exponate betrachtet, trifft es ihn wie ein Schlag: An der Wand entdeckt er das Bild „Über Witebsk“ von Marc Chagall, das in seiner Kindheit über dem Sofa seiner Eltern hing. Kurz entschlossen nimmt er das Bild mit und hängt es wieder an seinen altangestammten Platz im Haus seiner Mutter. – In ihrem Roman „Die kommende Welt“ erzählt Dara Horn nicht nur von Ben Ziskind, der sich in Erica Frank, die Museumsangestellte, die seinem Diebstahl auf die Schlichte kommt, verliebt, sondern auch von seinem Großvater, der als Waisenkind in der jüdischen Kinderkolonie Malachowska nahe Moskau 1920 den jungen Kunstlehrer Marc Chagall kennen lernt. Geschickt verbindet sie die Geschichte des berühmten Malers und seiner Künstlerfreunde mit dem Schicksal der Familie Ziskind. Eingestreut in die beeindruckende wechselvolle Geschichte lernt der Leser zahlreiche faszinierende, sonderbare oder melancholische Erzählungen jüdischer Tradition kennen. Viele Mythen drehen sich um die Fragen: Wo sind die Menschen vor ihrer Geburt? Wie sieht das Leben nach dem Tod aus? Und haben beide Welten etwas miteinander zu tun?
Der Reiz des Buches „Die kommende Welt“ liegt in seiner Vielschichtigkeit. Dara Horn mischt in ihrer Darstellung von Marc Chagalls Leben belegte Ereignisse mit erdachten Begebenheiten. Die Darstellung ist nicht frei von dem Vorwurf, Chagall habe seine russischen Freunde im Stich gelassen, während er im Westen seinen Ruhm genossen habe. Die Familiengeschichte der Ziskinds ist in all ihrer Tragik und dem Wideraufstehen typisch für jüdische Emigrantenfamilien, die das Glück hatten zu überleben. Dara Horns Stil fällt nie in einen anklagenden Unterton, sondern ist stets geprägt von der humorvollen Sicht der Dinge. Auf die eingestreuten kleinen Geschichten und zuweilen befremdlichen Phantasiewelten muss der Leser sich einlassen können. „Die kommende Welt“ ist nur vordergründig ein Krimi um ein gestohlenes Bild. Der Blick in die faszinierende jüdische Gedankenwelt lässt den Leser nachdenklich und beeindruckt zurück.
Der interessante Roman „Die kommende Welt“ wurde von Christine Buchner und Miriam Mandelkow aus dem Amerikanischen übertragen. Die kurzen jiddischen Sätze, die ins Deutsche umgeschriftet wurden und für deutschsprachige Leser mit etwas Mühe durchaus verständlich sind, wurden ebenfalls übersetzt.
„Die kommende Welt“ ist ein unterhaltsames Buch für alle Kunstliebhaber, die in hebräisch-jüdische Geschichten und Mythen eintauchen mögen!
Autorenportrait:
Dara Horn wurde 1977 geboren und promoviert zurzeit an der „Harvard University“ über hebräische und jiddische Literatur. Sie lebt in New York. Für ihren ersten Roman „Ausgelöscht sei der Tag“ wurde sie vielfach ausgezeichnet.
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