Die Frau des Schriftstellers

Was passiert, wenn ein echtes Leben zur literarischen Fiktion wird

Die Frau des Schriftstellers(sgr). Der Ich-Erzähler, selbst Schriftsteller, erhält ein verlockendes Angebot: Ein renommierter Verlag will ihn verpflichten, es winken ein fürstliches Gehalt und erhebliche Vorschüsse. Die einzige Bedingung: Er soll den neuesten Roman eines anderen Autors, Tonio Pototsching, zu Ende schreiben. Nach einiger Bedenkzeit nimmt er an und ist von diesem Moment an in ein Verwirrspiel involviert, das ihn zu vernichten droht. Der Kontakt zu Pototsching und dessen Geliebter Laura reißt den Erzähler in einen Konflikt, droht, seine Identität auszulöschen. Denn Tonio Pototsching versucht, ihm seine Existenz zu rauben, sein Leben zu vereinnahmen, um daraus Stoff für ein neues Buch zu beziehen.

 

Autor Ernst-Wilhelm Händler entwirft in „Die Frau des Schriftstellers“ ein komplexes Szenario. Der Roman verhandelt Fragen nach der Arbeit eines Schriftstellers, nach der Produktion von Literatur. Doch dies ist nur die vordergründige Ebene dieses Romans. Ernst-Wilhelms Händlers Anliegen reicht tiefer: Wie stehen die Figuren eines Werks zu ihrem Schöpfer, dem Autor? Wie verhalten sich die entworfenen Identitäten zueinander und zu demjenigen, der sie konzipiert hat? Können literarische Figuren ein solches Eigenleben entwickeln, dass sie die Identität ihres Autors überlagern? Können sich Identitäten vermischen, verschmelzen, kann eine Identität geraubt werden? Und wie können sich derartige Dynamiken entwickeln, wenn doch literarische Figuren nur fiktionale Entwürfe sind? Überlagern sich hier Fiktion und Realität?

 

Ernst-Wilhelm Händler reißt diese Fragen nicht nur an, er will sie durchspielen, freilich auf dem Untergrund einer fiktionalen Handlung. Dabei dehnt er die Grenzen der Verständlichkeit mitunter bis zum Äußersten: Auf erzähllogischer Ebene wird der Leser immer wieder innehalten müssen. Wer übernimmt hier gerade die Erzählfunktion? Wer spricht hier eigentlich? An welchem Zeitpunkt der Handlung befinden wir uns? Hier ist aufmerksames Lesen gefragt. Jedoch bietet „Die Frau des Schriftstellers“ dem scharfsichtigen Leser viel. Das Spiel mit verschachtelten Erzähl- und Zeitebenen, die impliziten Verweise auf andere Werke der Literaturgeschichte und durchgängige Motivstrukturen wollen entdeckt und entschlüsselt werden. Was hat es mit Laura und Beatrice auf sich, zwei Schlüsselgestalten der Literaturgeschichte? Welche Funktion nehmen die Dichter Dante und Petrarca für den Roman ein, welche der österreichische Autor Thomas Bernhard? Was hat es mit den durchgängig den Text durchziehenden optischen Motiven auf sich?

 

Auf den Leser von „Die Frau des Schriftstellers“ kommt ein gehöriges Maß an Entschlüsselungs-Arbeit zu, die sich allerdings lohnt. Ernst-Wilhelm Händler hat nicht einfach einen Roman über Literatur geschrieben, sondern ein Werk über die Grenzen der Literatur. Die Spannungen zwischen Literatur und Leben, ohnehin ein zentrales Problemfeld der Literaturgeschichte, werden hier auf ganz besondere Weise thematisiert. Können Literatur und Leben derart sich überlagern, dass eine klare Trennung unmöglich ist? Fiktion und Realität verschmelzen im Roman in einer Weise, dass das Leben des Ich-Erzählers bedroht wird: Der fiktionale Text, den der Autor Tonio Pototsching schreibt, raubt dem Erzähler seine eigene Biographie. Er wird mehr und mehr zu einer literarischen Figur, deren Leben der schöpferischen Willkür des Schriftstellers Pototsching unterworfen ist. Kann die Literatur letztlich das Leben in der Realität derart vereinnahmen, dass ein wirkliches Leben zur Fiktion wird?

 

Ernst-Wilhelm Händler hat mit „Die Frau des Schriftstellers“ einen fantastischen Roman geschrieben, der Grundfragen des literarischen Schaffens auf eindrucksvolle Weise thematisiert!

 

Autorenportrait:

Ernst-Wilhelm Händler, 1953 geboren, lebt in Regensburg und München. 1999 wurde er mit dem „Erik-Reger-Preis“ ausgezeichnet und erhielt den „ Hans-Erich-Nossak-Preis 2006“ vom „Kulturkreis der deutschen Wirtschaft“.

Die Frau des Schriftstellers

Ernst-Wilhelm Händler

Die Frau des Schriftstellers

Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main

ISBN 978-3-627-00028-8

1. Auflage, 640 Seiten, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, Format 21 x 13,8 cm.

Unverbindliche Preisangabe: € 25.- (D) / € 25,70 (A) / sFr 43,80

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