Die Bibel
Was man wirklich wissen muss
(tos).
„Die Bibel – Was man wirklich wissen muss“ – so lautet der Titel von Christian
Nürnbergers Kompendium zur Bibel. Dabei beschränkt sich der Journalist
und studierte Theologe keineswegs auf das Nacherzählen zentraler biblischer
Erzählungen. Christian Nürnberger gelingt es vielmehr in seinem Buch,
die großen Erzählungen in Blick auf die Relevanz für unsere
Zeit zu deuten.
Was sind nun die großen Texte der Bibel, die zentralen Themen, die man kennen muss? Die beiden Schöpfungsberichte natürlich, die das Revolutionäre des Judentums zeigen, das „den Himmel entrümpelt“ und sich auf einen Gott allein festlegt. Abraham natürlich, Isaak, Jakob. Die Erzväter Israel, das zum Mustervolk erkoren ist. Überzeugend weist Christian Nürnberger nach, dass Israel sich intensiv mit seinem Auserwähltsein auseinandergesetzt hat. Wenn ein Betrüger wie Jakob zum Stammvater wird, sei dies ein „Friedensangebot an die Nachbarvölker“ und eben kein Herausstellen des auserwählten Volkes.
„Verlierer und Versager“ waren es auch, Sklaven des ägyptischen Pharaos, die sich mit Gott aus der Knechtschaft durch das Schilfmeer in das gelobte Land aufmachten. Dieser Exodus ist für Christian Nürnberger die biblische Schlüsselgeschichte. Freiheit ist das Leitmotiv, der verknöcherten, autokratisch geführten Monarchie Ägyptens wird die Hoffnung auf eine bessere Zukunft mit einem dynamischen, mobilen Gott gegenübergestellt. Letztlich hätten Spartakus-Aufstand, französische Revolution, Anti-Apartheidsbewegung, Feminismus sowie die Schwulen- und Lesen-Bewegung ihre tiefen Wurzeln „in jenem identitätsstiftenden Schilfmeer-Erlebnis der kleinen, zittrigen Verlierertruppe aus Ägypten“.
Aber auch sonst ist Israel Vorbild für andere Länder, etwa mit den sozialen Regeln zum Sabbatjahr, auf die Christian Nürnberger ausführlich eingeht, oder mit ihrem Ideal einer Gesellschaft von Freien und Gleichen, die nur über mühsame Umwege den Weg zum Königtum findet. Ein weiteres Spezifikum Israels in dieser Zeit sind die Propheten, die über den Auftrag des Volkes wachen.
Christian Nürnberger legt Wert darauf, die biblischen Texte mit der Geschichte Israels zu verbinden. Dies stößt dort, wo sich archäologische Funde und biblische Texte widersprechen, auf Schwierigkeiten. Der Journalist und Autor umschifft sie, indem er die biblischen Texte so wiedergibt, wie sie in den Büchern der Bibel zu finden sind, ihre theologische Intention ausleuchtet und erst anschließend einschränkende Zweifel an der Historizität darstellt. So wird Christian Nürnberger den Texten gerecht, ohne biblizistisch auf die Wahrheit der Texte zu pochen. Natürlich: Abraham hat vielleicht nie gelebt, das ganze Volk Israel war sicherlich nie in Ägypten, sondern nur eine „Exodus-Gruppe“. Hier lautet Christian Nürnbergers einfaches Credo: „Diese Geschichten bleiben wahr, weil sie beschreiben, wie menschliches Zusammenleben gelingen kann.“ Selbst wenn sie nur erfunden wären, so wären es immer noch „geniale Erfindungen“.
Eine eigene, literarische Wahrheit spricht Christian Nürnberger auch den Evangelien zu. Die Widersprüche zwischen den Evangelienberichten seien erklärbar, die Botschaft dennoch eine klare: Da Israel der Welt nicht zeigen kann wie eine gerechte Gesellschaft auszusehen hat, will Jesus Israel aus seiner geistigen Verharrung befreien. Freilich nicht wie ein „smarter Jugendpfarrer“, sondern als ein „Radikaler im öffentlichen Dienst“. Den Schwerpunkt legt Christian Nürnberger auf Kreuzigung und Auferstehung Jesu. Man spürt dabei das Herzblut, das der Autor in die letzten Kapitel des Buches gesteckt hat. Auferstehung: Kann man daran glauben? Was wäre gewesen, wenn Jesus nicht auferstanden wäre? Gäbe es das Christentum dann heute nicht gleichermaßen? Wie wichtig ist also die Auferstehung als Botschaft für das Christentum? Das sind die Fragen, die Christian Nürnberger bewegen. Dabei gesteht er den Lesern einen minimalen „Restglauben“ zu, mit dem man sich als Christ gut „über Wasser halten“ könne, betont aber zugleich, dass die Kirche auch heute noch den Mut habe sollte, von der Auferstehung zu reden.
„Die Anhänger dieses neuen Glaubens hatten anders gedacht, anders gesprochen und anders gehandelt als der Rest der Welt“, ist sich Christian Nürnberger sicher. Verraten hat es seine Ideale, als es sich zur Staatsreligion machen ließ. Diese „Ursünde“, wie Christian Nürnberger es nennt, wird zur „tragischen Geschichte“, führt zum Bündnis von Thron und Altar und weg von dem, was das Christentum einst ausgemacht hat. Die Kirche sollte immer auch eine Gegengesellschaft sein, fordert Christian Nürnberger. In Deutschland habe die Kirche zwischen 1918 und 1945 „die letzten Reste kirchlicher Glaubwürdigkeit verspielt“. Ein radikaler Neuanfang habe sie nie gewagt. So verwundert es den Theologen nicht, dass das Christentum in Europa heute „verdunstet“: „Da ist nichts mehr, was die Wahrheit des Glaubens der Kirche erweisen könnte.“ Eine neue, gerechte Welt könne jedoch nur im Raum der Kirche entstehen. So bräuchte die Welt jetzt dringend „die Weisheit der Kirche“. Dabei reagiert Christian Nürnberger allergisch auf Ratschläge von Marketing-Experten: Die Kirche soll nicht den Menschen hinterherlaufen, die Menschen sollen sich vielmehr zu ihr auf den Weg machen.
An manchen Stellen des Buches „Die Bibel – Was man wirklich wissen muss“ ließe sich nachfragend einhaken, etwa bei der Verknüpfung von Dietrich Bonhoeffer und der Opferung Isaaks oder dem Vergleich der Welt zurzeit Jesu mit der Staatsgründung Israels. Die teilweise recht flapsigen Formulierungen sind für ältere Semester etwas gewöhnungsbedürftig, bei jüngeren Lesern, für die dieses Buch sehr geeignet ist, da es angenehm lesbar ist, dürfte dies eher positiv ins Gewicht fallen. Christian Nürnberger bietet vor allem für jugendliche Leser eine gute, komprimierte Darstellung dessen, worum es in der Bibel geht. Zugleich gelingt es dem Autor zu zeigen, weshalb es auch in unserer heutigen Zeit kein Fehler ist, den Inhalt dieses alten Buches zu kennen.
Autorenportrait:
Christian Nürnberger, geboren 1951, studierte Theologie, war Reporter der „Frankfurter Rundschau“, Redakteur bei „Capital“, Textchef bei „Hightech“ und arbeitet seit der Geburt des ersten Kindes (1990) als freier Autor. Er lebt mit seiner Frau Petra Gerster und zwei Kindern in Mainz.
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