Der Liebhaber
Amour fou eines jungen Mädchens in Indochina 1940
(mag).
Die französische Schriftstellerin Marguerite Duras wuchs als Tochter eines
Lehrerehepaares in der französischen Kolonie Indochina (heute Vietnam)
auf und ging mit 17 Jahren zum Studium nach Paris. Nach zahlreichen Theater-
und Filmprojekten veröffentlichte sie 1984 den stark autobiographischen
Roman „Der Liebhaber“. Das kleine Buch ist inzwischen zu einem Klassiker geworden,
der jedoch an Attraktivität nichts verloren hat.
Die Ich-Erzählerin des Romans „Der Liebhaber“ ist eine ältere Frau, die sich an ihre Jugend in den 1940er Jahren in Saigon erinnert. Sie lebt bei ihrer Mutter, die zwischen überschwänglicher Lebensfreude und tiefen Depressionen hin- und herschwankt. Ihr großer Bruder tyrannisiert die Familie mit seiner Opium- und Spielsucht, während der kleine Bruder mit den schwierigen Verhältnissen nicht zurecht kommt. Die Erzählerin sieht auf ihre Vergangenheit wie auf Bilder. Sie erinnert sich an das 15-jährige Mädchen, das mit goldenen Schuhen und einem Männerhut, die Aufmachung einer Kinderprostituierten, auf einer Fähre über Mekong steht und von einem reichen Chinesen angesprochen wird. Das Mädchen steigt in die schwarze Limousine des doppelt so alten Mannes und weiß, dass in diesem Moment ihre Kindheit zu Ende ist. Das ungleiche Paar beginnt eine erotische Beziehung zwischen großer Lust aber auch Verzweiflung und Prostitution. Das junge Mädchen lernt die Begierde kennen und lieben. Ihre Liebe gehört ihrer Familie, an der sie zunehmend verzweifelt und die sie immer mehr hinter sich lassen möchte. Doch die Beziehung zu dem Chinesen hat keine Zukunft, so dass die Orientierungslosigkeit des heranwachsenden Mädchens umso deutlicher wird. Auch eine aufflammende Begierde zu ihrer Mitschülerin Hélene Lagonelle bleibt unerfüllt.
Marguerite Duras Roman „Der Liebhaber“ ist in einem schlichten Erzählstil geschrieben, die Sätze sind teilweise unvollständig oder bestehen nur aus aneinander gereihten Wörtern – wie Erinnerungen eben so sind. Auch die Sprachlosigkeit des jungen Mädchens spiegelt sich darin wieder. Die Handlung ist nicht linear und voller Wiederholungen, aber gut verständlich. Das Besondere des Stiles liegt in den Andeutungen, unausgesprochenen Kleinigkeiten und überraschenden Nebensätzen. Der kurze Roman „Der Liebhaber“ wurde von Ilma Rakusa aus dem Französischen übersetzt.
Den Reiz des tiefgründigen Buches macht sein Vielschichtigkeit aus, es gewährt einen Blick in die verworrene Gedankenwelt eines jungen Mädchens, dessen Sexualität gerade erwacht, es ist ein Stimmungsbild der längst vergangenen Welt einer französischen Kolonie, und es ist eine erotische Erzählung. Ein Buch über die Liebe, das jeder Leser ein bisschen anders liest, aber sicher alle mit Vergnügen.
„Der Liebhaber“ ist ein Klassiker, der sich wirklich zu lesen lohnt!
Autorenportrait:
Marguerite Duras, die 1914 in Giadinh/Indochina geboren wurde und später in Frankreich lebte, starb 1996 in Paris. Sie ist sowohl durch ihre Romane als auch durch ihre Dramen, Hörspiele und Filme in Deutschland bekannt geworden.
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