Der blinde Masseur

Ein Roman über die Kraft von Büchern

Der blinde Masseur(jaf). Teodors Reise fängt turbulent an: Er ist auf dem Weg nach Rumänien, in das Land seiner Eltern und seiner Kindheit, aus dem er zwei Jahrzehnte zuvor geflüchtet ist, und steht im Stau. Verursacht hat den ein junges Paar, unterwegs zur eigenen Hochzeit. Zu schnell waren die beiden auf ihrem Weg ins Glück – und nun transportiert ein klappriger Trecker sie über staubende rumänische Felder auf ihrem letzten großen Auftritt in wehendem Brautkleid und fast makellosem Anzug.

 

Schon nach knapp 20 Seiten von „Der blinde Masseur“ ist ganz klar: Der rumänisch-schweizerische Autor Catalin Dorian Florescu spielt in diesem melancholischen, vielleicht sogar biografisch angehauchtem Werk seine große Fabulierstärke aus. Poetische Weite haben seine Bilder, in ihrer Kraft ruht das Buch. Wie nah Schönheit, Verletzlichkeit, Leben und Sterben beieinander liegen, kann Catalin Dorian Florescu in wenige Zeilen legen: „Das Schwein grunzte im Stall und in einem kleinen Gehege hüpften Küken aufgeregt durcheinander. Das kleine Mädchen holte eines von ihnen heraus, einen kleinen, goldenen Ball, sie ließ es auf dem Tisch frei, es wollte fliehen, aber sie schränkte seine Freiheit mit Armen ein. Elena wollte, dass die Kleine das Küken wieder einsperrte, sie stritten, das Küken benützte den Streit, um zu fliehen. Es sprang vom Tisch, der Katze direkt vor die Pfoten. Die Katze brach ihm das Genick, ließ es wieder auf den Boden fallen, schaute mit kaltem Blick zu uns hinauf und wich dem Schuh des Mädchens aus. Die Pfingstrose duftete stark, und der Hahn krähte.

 

Teodor reist, sieht, lebt, in wundervollen Bildern und fantasiegewaltiger Sprache. Da strecken sich ihm Hände hin, „rau, so wie die Hände aller, die mit dem wirklichen Leben zu tun hatten und nicht nur mit dessen Verdünnung“, da beobachtet er im Gras liegend „die vier alten Nussbäume“, von „einem Bein aufs andere“ tretend, die gelernt hatten, „im Stehen zu ruhen, nur deshalb waren sie all die Zeit nicht umgefallen“. Teodors Augen trotzen der Welt Poesie ab; und doch: Was ihn in die rumänische Einöde treibt und warum er dafür offenbar seinen lukrativen Job als Vertreter für Sicherheitstüren in der Schweiz zumindest für eine längere Zeit aufgegeben hat, bleibt vage; irgendwas muss es natürlich mit Valeria zu tun haben, seiner ersten, großen Teenager-Liebe, die er wegen der Flucht in den Westen urplötzlich verließ. Ihr schrieb er über Jahre immer wieder Briefe, ohne sie abzuschicken, und sie ging ihm nicht aus dem Kopf. Vielleicht ist aber der Grund für den Aufbruch weniger wichtig, als die Tatsache, ihn zu wagen – immerhin ist das Buch „all jenen gewidmet, die trotz allem weiter suchen.

 

So gerät Teodors Trip ins Land seiner Kindheit zu einem Ausflug ins Ich. Kontrapunktisch knüpft der Weg dabei immer wieder an ein Motiv an: der Liebe zu Büchern, zu Geschichten und Erzähltem. Immer wieder erinnern Rückblicke an Teodors Tonband-Streifzüge durch die Dörfer, bei denen er Bauern ihre Geschichten erzählen ließ – vom Teufel, der durch den letzten Spalt Abendlicht am Horizont in die Welt kam, von Toten, die zu „strigori“, zu Untoten werden, wenn über sie Hunde oder Hühner laufen. Und dann ist noch Ion da, der blinde Masseur, der in seiner Kindheit das Augenlicht verlor und seitdem von der Welt der Literatur getrennt gewesen wäre, hätte er nicht eine Lösung gefunden: Seine Massagen lässt er sich mit Vorgelesenem bezahlen. Die Auswahl der Werke trifft er dabei selbst – der Fabrikdirektor liefert ihm Marx, die Bäuerin liest Dostojewski, ein Bergarbeiter gibt Zolas „Gérminal“ zum Besten. Und obwohl die Bücher an den Verhältnissen nichts ändern, lassen ihre Geschichten doch die Möglichkeit erahnen, das Leben nicht „Tag für Tag zu verpassen“, schlicht indem man es lebt“. Bücher, das macht Ion klar, muss man jedoch finden, wie Freunde: „Man braucht eine besondere Art von Liebe und Geduld, damit sich die Bücher öffnen und zu einem sprechen. Außerdem braucht man auch eine besondere Art Offenheit, sonst sieht man nur, was man will“, sagt Ion. „Es gibt Bücher, die eine eigene Stimme haben, und man kommt vorwärts mit ihnen.

 

Allmählich wird Teodor Teil der Dichter-Klub-Kolchose, die sich um Ion und dessen Zehntausenden von Büchern schart. Das Leben plätschert dahin, Tag für Tag, Teodor zieht aus, um zu finden und kehrt zurück, vielleicht ein bisschen weniger suchend. Alles ist anders, zwei Jahrzehnte nach seiner Rückkehr, aber doch erkennt er alles wieder – die Menschen, die Gefühle, die Sehnsucht nach dem Leben. Immer wieder zeichnet Autor Catalin Dorian Florescu dabei das Bild eines grotesk modernen Rumäniens, ein Land im Aufbruch, in dem letztlich doch alle irgendwie auch Gauner sind. Alles ist ein wenig bäurisch, verschlagen, irgendwie zurückgeblieben im weit voraus geeilten Europa – ein Land, vergilbt wie die Seiten eines zerlesenen Buches, durch das gehörig der Wind weht.

 

Am Ende ist längst nicht alles gut. Irgendwie aber doch im Lot. Die Reise ist nicht vorbei, aber hinterlässt eine Ahnung, dass es sehr gut war, sie zu riskieren.

 

Autorenportrait:

Catalin Dorian Florescu, geboren 1967 in Timisoara/Rumänien. 1976 erste Ausreise mit dem Vater nach Italien und Amerika. Rückkehr nach Rumänien, 1982 endgültige Emigration. Studium der Psychologie. Er lebt als freier Schriftsteller in Zürich. Seine Bücher wurden von Publikum und Kritik begeistert aufgenommen. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. „Hermann-Lenz-Stipendium“, „Chamisso-Förderpreis“, Werkjahr der Stadt Zürich, „Buch des Jahres 2001“ der Schweizerischen Schillerstiftung sowie den „Anna Seghers Preis 2003“.

Der blinde Masseur

Catalin Dorian Florescu

Der blinde Masseur

Pendo Verlag, München

ISBN 978-3-86612-079-2

1. Auflage, 272 Seiten, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag, Format 13,5 x 21,5 cm.

Unverbindliche Preisangabe: € 17,90 (D) / € 18,40 (A) / sFr 32.-

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