Das Mädchen aus der Totenstadt
Monas Leben auf den Gräbern Kairos
(mag).
Das Bewohnen von Gräbern hat in Kairo eine uralte Tradition, die noch aus
der vorislamischen Zeit stammt. Die ursprünglich als Grabwächter eingestellten
Bewohner haben ihre Familien nachgeholt und leben in teilweise recht großen
Höfen und Mausoleen auf den Grabkammern. Mit zunehmender Landflucht aus
Oberägypten zogen immer mehr Menschen in die so genannten Totenstadt „Imam
Al-Shafi'i“ in Kairo. Die Menschen, die in der Nekropole leben, führen
ein sehr zurückgezogenes Leben. Die Bevölkerung von Kairo verachtet
diese armen Leute, die sie abfällig „Grabbewohner“ nennen, es
ist für sie eine Schande dort zu leben. Die ägyptische Regierung schweigt
dieses Thema tot, toleriert die Besiedelung der riesigen Friedhöfe jedoch,
indem sie Wasser- und Stromleitungen legt sowie Schulen einrichtet.
Normalerweise ist es Fremden nicht möglich, Kontakt zu den scheuen ausgegrenzten Bewohnern von „Imam Al-Shafi'i“ aufzunehmen. Dem deutschen Autor Gerhard Haase-Hindenberg ist es mit Hilfe einer Kairoer Diplomatenfamilie, die selbst einen bewohnten Grabhof besitzt, gelungen, eine Familie aus diesem Viertel zu besuchen. Er konnte das Vertrauen der Familie gewinnen und so die 17-jährige Mona kennen lernen. Begeistert stellte er zusammen mit seiner Dolmetscherin Hoda Zaghloul fest, dass das hübsche Mädchen in einen Tagebuch seine Erlebnisse und Gefühle aufgeschrieben hat. So kommt es zu einer spannenden Zusammenarbeit, aus der das Buch „Das Mädchen aus der Totenstadt – Monas Leben auf den Gräbern von Kairo“ entstanden ist. Bei seiner Arbeit musste Gerhard Haase-Hindenberg sehr umsichtig sein, um Monas Ruf nicht zu beschädigen; es ist ja in Kairo nicht üblich, dass sich ein unverheiratetes Mädchen regelmäßig mit einem Mann aus Europa trifft.
Das Buch „Das Mädchen aus der Totenstadt“ enthält Tagebuchaufzeichnungen von Mona und Texte, die sie geschrieben hat, nachdem sie Gerhard Haase-Hindenberg ihre Erlebnisse und Gedanken erzählt hat. Mona beschreibt den Alltag ihrer Familie, ihr Schulleben und ihre ersten Berufserfahrungen, außerdem die Feste, die in der Totenstadt gefeiert werden, und einen Ausflug mit einem Nilschiff, den sie zusammen mit zwei Freundinnen heimlich gemacht hat. Mona ist ein sehr einfaches Mädchen, das nicht viel Bildung genossen hat, das aber eine sehr aufmerksame Beobachtungsgabe hat und sich so seine Gedanken macht. Mona, die von sich selber immer wieder in der dritten Person spricht, beschreibt ihre innersten Gefühle in einer bildhaften Sprache. Sie schreibt von der Diskriminierung, die sie erfährt, ihren Ängsten und ihren Träumen.
Eingebettet sind diese Passagen in den Text von Gerhard Haase-Hindenberg. Er ergänzt die Berichte von Mona mit Fakten, die das einfache Mädchen nicht wissen kann, und beschreibt ausführlich die für den Leser fremden Lebensumstände. An manchen Stellen, zum Beispiel, wenn er ein Gespräch unter Studenten wiedergibt, hat der Autor wohl kleine Szenen auch erfunden oder ausgeschmückt. Es gelingt Gerhard Haase-Hindenberg aber sehr gut, sich in die Gedanken- und Erlebniswelt von Mona hinein zu versetzen. Die beiden aus verschiedenen Perspektiven erzählten Texte fügen sich zu einem stimmigen Ganzen. Bei dem Versuch, möglichst viele Informationen über das Leben in der Totenstadt und im modernen Kairo zu vermitteln, fällt Gerhard Haase-Hindenberg manchmal ins Dozieren. So ist „Das Mädchen aus der Totenstadt“ einerseits ein Buch von und über eine junge ägyptische Frau auf dem Weg zum Erwachsenwerden, es ist aber auch ein Buch über das Alltagsleben in der Totenstadt „Imam Al-Shafi'i“. Der Leser erfährt viel über die Befindlichkeiten der jungen Menschen in Kairo, ihr Leben in den strengen Regeln der islamischen Familie und ihre kleinen Fluchten aus der Enge.
Um sich die fremde Welt, in der Mona lebt, ein bisschen besser vorstellen zu können, enthält das Buch acht Seiten mit farbigen Fotografien der Totenstadt „Imam Al-Shafi'i“ und ihrer Bewohner von Fotograf Mohammed Shehab. Im Anhang des Buches befindet sich ein kleines Glossar, das die verwendeten ägyptischen Begriffe kurz erläutert, das ist recht nützlich, für das Verständnis des Buches aber nicht nötig.
Das ungewöhnliche Buch „Das Mädchen aus der Totenstadt“ öffnet dem Leser eine Tür zu einer ansonsten fest verschlossenen tabuisierten Gesellschaft und zeigt, dass Ägypten auch jenseits der touristischen Ziele ein interessantes Land ist!
Autorenportrait:
Gerhard Haase-Hindenberg, Jahrgang 1953, Studium an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Ost-Berlin. Er arbeitete als Schauspieler, Regisseur und Autor an Theatern in Nürnberg, München und Berlin sowie für TV- und Kinofilme. Regelmäßig publiziert er Reportagen und Interviews in der „Welt“ und der „Berliner Zeitung“.
© Copyright by: *tipp Redaktionspool Butjadingen