Bahnhöfe – Ein literarischer Führer
Geschichte und Geschichten im Zug der Zeit
(pr).
Verstehen Sie Bahnhof? Nach dem Erzählband „Bahnhöfe – Ein literarischer
Führer“ bestimmt! Herausgeberin Lis Künzli hat darin über 30
Geschichten namhafter Autoren versammelt – meist in Auszügen aus Romanen
und Erzählungen. Von Leo Tolstois „Anna Karenina“ bis Antonio Tabucchis
„Indisches Nachtstück“ finden sich wahre Perlen der Literatur darunter.
Reich bebildert, mit über 200 historischen und zeitgenössischen Fotographien,
treten dem Leser die Bahnhöfe der Welt lebhaft vor Augen. Die einzelnen
Texte werden jeweils durch ein knappes Vorwort der Herausgeberin eingeleitet,
das einfühlsam in Szenerie und Handlung einführt. Ein einzigartiges
Panorama breitet sich aus, in dem Bahnhöfe der Schauplatz historischer
Begebenheiten, persönlicher Schicksale oder einfach nur ihrer selbst sind.
Hier einige Stationen der Lesereise durch „Bahnhöfe – Ein literarischer Führer“: Erste Station: Zürich. – Russische Emigranten singen die Internationale. Der Hauptbahnhof ist Bühne eines welthistorischen Ereignisses: Wladimir lljitsch Uljanow, genannt Lenin, tritt dort am 9. April 1917 seine Reise aus dem schweizerischen Exil nach Russland an. Diesen Moment hat Stefan Zweig in seinen „Sternstunden der Menschheit“ festgehalten: „Um drei Uhr zehn Minuten gibt der Schaffner das Signal. Und der Zug rollt fort nach Gottmadingen, zur deutschen Grenzstation. Drei Uhr zehn Minuten, und seit dieser Stunde hat die Weltuhr andern Gang.“
Zweite Station: Mumbai. – Im „Chhatrapati Shivaji Terminus“, dem prachtvollsten Bahnhof Indiens, kreuzen täglich etwa drei Millionen Menschen ihre Wege. Auf den Bahnsteigen kommt es zu den unterschiedlichsten Begegnungen. So auch zwischen einem Inder und einem Europäer. Das Aufeinandertreffen der beiden Kulturen schildert Antonio Tabucchi in seiner geheimnisvollen Erzählung „Indisches Nachtstück“. Das Reisen wird dort zur Metapher für das Leben. Der Erzähler erfährt von seinem indischen Weggefährten, dass er in Mumbai nicht nur irgendeine, sondern seine „letzte Reise“ antritt…
Dritte Station: Antwerpen. – In der „Centraal Station“ kommt es wiederum zu einer zufälligen Begegnung zweier Reisender. Einer der beiden ist Austerlitz, Titelheld des gleichnamigen Romans von W.G. Sebald. Er führt den Erzähler in die Architektur des monströsen Bauwerks ein und erschafft im gleichen Atemzug eine ganze Philosophie der Bahnhöfe. Der monumentale Kuppelbau von Antwerpen dient ihm als Beispiel. Für Jacques Austerlitz drückt sich darin die kapitalistische Geisteshaltung des beginnenden 20. Jahrhunderts aus, spiegelt sich in jener „dem Welthandel und Weltverkehr geweihten Kathedrale.“
Diese drei Stationen sind nur Streiflichter auf der Lesereise durch den Erzählband „Bahnhöfe – Ein literarischer Führer“. Doch sie stehen beispielhaft für die einzigartige Sammlung an meisterhaften Erzählungen, die Herausgeberin Lis Künzli darin zusammengestellt hat. Historische Ereignisse, persönliche Schicksale und der Bahnhof selbst als Gegenstand der Literatur sind die Themen, die sich wie ein roter Faden in allen Geschichten wiederfinden.
„Bahnhöfe – Ein literarischer Führer“ liest sich wie in einem Zug. Eine originelle Anthologie und abwechslungsreiches Lesevergnügen nicht nur für lange Stunden in der Bahnhofshalle!
Herausgeberportrait:
Lis Künzli, geboren 1958, ist freie Herausgeberin und Übersetzerin. Sie hat lange in Zürich und Berlin gearbeitet und lebt heute in Toulouse.
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