Bahnhöfe

Geschichten von Ankunft und Abschied

Bahnhöfe(mag). Wenn man bedenkt, welche Bedeutung die Eisenbahn für die Menschen hat, dann ist es nicht weiter verwunderlich, dass viele Schriftsteller Prosatexte, Gedichte und Theaterstücke zu diesem Thema geschrieben haben. Manchmal steht der Bahnhof selber im Mittelpunkt, ein anderes Mal sind es die Menschen mit ihren Sehnsüchten, Ängsten oder freudigen Erwartungen. Der Literaturwissenschaftler Mario Leis hat die Literaturgeschichte der letzten 150 Jahre durchgesehen und für den Sammelband „Bahnhöfe“ über 60 anspruchsvolle Texte ausgewählt.

 

Bei der Zusammenstellung der Texte wird deutlich, dass es dem Herausgeber nicht darum ging besonders originelle Passagen auszusuchen, sein Auswahlkriterium war sicher die Qualität der Literatur. Und so hat Mario Leis eine bunte Mischung hervorragender Literaten in „Bahnhöfe“ vereint. Der Leser findet unter anderem Gedichte von Hermann Hesse, Ossip Mandelstam und Thomas Hardy, Prosa von Emile Zola, Kurt Tucholsky und Robert Walser sowie kleine Szenen von Karl Valentin, Peter Handke und Peter Weiss.

 

Das Buch ist nach inhaltlichen Schwerpunkten in sieben Kapitel eingeteilt. Das Kapitel „Eisenbahnwunder“ steht unter dem Eindruck der ersten Eisenbahnfahrten im 19. Jahrhundert. Die Autoren, unter anderem Joseph von Eichendorff und David Friedrich Strauß, wägen die Vor- und Nachteile des Zugfahrens mit denen des Wanderns oder der Kutschfahrt ab.

 

Im Kapitel „Auskunft bitte!“ kämpfen die Reisenden mit den Tücken des Fahrplans, während im „Schauspiel des Wartens“ das immerwährende Ausharren auf Bahnhöfen thematisiert wird. Die Ausreißerin in Günther Ohnemus kleiner Geschichte trifft am Bahnhof einen wartenden Mann, der das Leben des jungen Mädchens entscheidend beeinflusst, während Fred Endrikat einen traurigen Brief schreibt.

 

Bahnhöfe sind auch immer Orte des Abschieds, und so sind in diesem Buch im Abschnitt „Abschied: ‚Wo wir am Bahnsteig verbluten'“ traurige Gedichte und Erzählungen voller Situationskomik abgedruckt. Auch Schriftsteller müssen auf ihren Fahrten umsteigen und auf den Anschluss warten, was Georg Heym, Ernst Jandl und Uwe Johnson dazu geschrieben haben, zeigt die ganze Bandbreite der damit verbundenen Gefühle und Erlebnisse.

 

Die wohl bekannteste literarische Selbstmörderin, die sich vor einen Zug geworfen hat, Anna Karenina, fehlt in dem Kapitel „Symphonie der Verzweiflung“ ebenso wenig wie Kriegserlebnisse und die Rampe von Auschwitz. Gerade die Auswahl in diesem Kapitel zeigt, wie vielseitig das Kompendium ist. Die Texte wollen nicht nur unterhalten, sie geben auch interessante Denkanstöße und zeigen die ganze Bandbreite des Themas.

 

Im abschließenden Kapitel „Bahnhofswelten“ stehen dann die Bahnhofsgebäude mit ihren Gaststätten und großen Hallen selber im Mittelpunkt. „Bahnhöfe“ ist kein schnell zusammengestückelter Sammelband, sondern eine sorgfältig ausgesuchte Annäherung an das Sujet.

 

Im Anhang des Buches „Bahnhöfe“ gibt es eine nach Autoren sortierte Liste der „Textnachweise“. Leider fehlen bei den Autoren die Lebensdaten. Bei manchen Texten wüsste man gerne, wann der Autor gelebt hat. Die Erlebnisse mit der Eisenbahn, zum Beispiel traurige Abschiede und langweilige Zwischenaufenthalte, sind zeitlos aktuell, doch Hans Christian Andersens allererste Zugfahrt mit einer Dampflok im 19. Jahrhundert findet unter anderen Vorzeichen statt, als Klaus Modicks (geboren 1951) Auswahl eines geeigneten Treffpunktes, nachdem er mit einem Hochgeschwindigkeitszug in Tokyo angekommen ist. Mit Ergänzung dieser Daten wird „Bahnhöfe“ zum umfassenden Lesevergnügen.

 

„Bahnhöfe“ ist ein Sammelband für alle, die Literatur lieben und in Bahnhöfen mehr sehen als ein Wirrwarr überdachter Schienen.

 

Herausgeberportrait:

Mario Leis, geboren 1963, lebt als Literaturwissenschaftler in Bonn.

Bahnhöfe

Mario Leis (Hrsg.)

Bahnhöfe

Geschichten von Ankunft und Abschied

Insel Verlag, Frankfurt am Main

ISBN 978-3-458-34671-5

Originalausgabe, 2. Auflage, 240 Seiten, Taschenbuch.

Unverbindliche Preisangabe: € 9.- (D) / € 9,30 (A) / sFr 16,70

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