Anderswo
Ein „himmlischer“ Roman über den Tod und das Leben danach
(jed).
Hund Lucy ist fassungslos – keiner rechnet damit, dass eine 15-Jährige,
die noch nie richtig verliebt war und noch tausend Pläne hat, einfach überfahren
wird und dann nicht mehr da ist. Was sie nicht ahnt: Sie ist noch da – eben
anderswo – in „Anderswo“. Mit einem Schiff gelangt Liz dorthin, „noch nie
hat sie so kristallklares Wasser gesehen wie in diesem Ozean. Seltsam, wie sehr
sich der Himmel und das Meer gleichen, denkt Liz. Ein Meer ist eigentlich nur
ein besonders nasser Himmel. Ein Himmel entsteht, wenn man das Meer auswringt,
bis kaum noch Feuchtigkeit darin ist. Sie fragt sich, wohin das Schiff wohl
fährt und ob sie aufwachen wird, bevor es einen Hafen anläuft...“
Als sie realisiert, dass sie gar nicht schläft sondern tot ist, hält
sich ihr Entsetzen genauso in Grenzen wie ihre Freude.
Sie lernt ihre Großmutter kennen, die nach einem ganz verrückten Rechenspiel jünger ist als Lizzies Mutter, und zieht bei ihr ein. Während sie ihre Familie samt Hund Lucy vermisst und sie täglich mit einem Fernrohr beobachtet, gewöhnt sie sich an das „Leben“ in „Anderswo“. Sie nimmt einen Job an, spricht mit den Hunden, die in Anderswo ankommen und lernt, wie es ist, tot und doch irgendwie lebendig und voller Gefühle zu sein. Sie lernt neue Menschen kennen – Freunde, Bekannte – sie feiern miteinander, reden, lachen, weinen, gehen durch dick und dünn. Ein paar Mal versucht sie auszubrechen, versucht, ihre Familie zu erreichen – hat doch ihr Vater bald Geburtstag und sie bereits das Geschenk besorgt und sorgfältig in ihrem Zimmer versteckt. Außerdem erlebt sie ihre erste Liebe und macht den Führerschein – im Prinzip alles, was sie auf der Erde in den nächsten Monaten auch getan hätte.
Lizzies Jahr in dieser anderen Welt nimmt junge wie ältere Leser gefangen, die Idee, dass man eine Weile in „Anderswo“ weiterlebt und dann wiedergeboren und mit vielen anderen Babys zur Erde zurückgeschickt wird, wirkt gar tröstlich. Dass „Anderswo“ auch eine Art Hundehimmel ist, macht den wunderschönen Roman noch mehr zu einem Lieblingsbuch. Sicher liegt dies auch an der leichtfüßigen Sprache, „Anderswo“ liest sich sehr flüssig, und Autorin Gabrielle Zevin hat Orte wie Menschen sehr liebevoll erdacht. Übersetzerin Ulrike Nolte tut ihr Übriges dazu, gerade als es um einen Mann namens „O. Nine“ geht, was ja wie „Oh nein“ klingt, oder wenn ein Hund Hündisch spricht und Lizzie antwortet. Außerdem wechselt Gabrielle Zevin immer mal wieder die Perspektive – am Anfang wird aus der Sicht der Hündin Lucy erzählt, dann meist aus der Sicht von Liz. Wenn es aber notwendig ist, mal eben Freundin Thandi „über die Schulter zu blicken“, dann wird das gemacht.
Der Roman eignet sich für auch für jugendliche Leser, vorausgesetzt, man möchte sich ein wenig mit Tod und Loslassen auseinandersetzen. Denn darum geht es hier: Nicht in einer festgefahrenen Spur zu bleiben, sondern auch einmal etwas Neues zu wagen – ob man nun von äußeren Umständen dazu gezwungen wird oder sich selbst dazu entscheidet. Freundschaften und Liebe kommen nicht zu kurz und fast ist man am Ende ein bisschen traurig, dass der kurze Blick nach „Anderswo“ schon vorüber ist – war er doch nur allzu flüchtig. Aber wir kommen ja – wenn Gabrielle Zevin Recht behält – alle mal irgendwann dorthin…
Autorenportrait:
Gabrielle Zevin, geboren 1977 in New York, lebt in Manhattan. Sie hat bereits zahlreiche Drehbücher geschrieben. Im Jahr 2000 machte sie in Harvard ihren Abschluss in englischer und amerikanischer Literatur. „Anderswo“ ist ihr erster Roman.
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