Von Kletterbäumen, Sachensuchern und kitzeligen Pferden

Astrid Lindgrens Kindheit

Von Kletterbäumen, Sachensuchern und kitzeligen Pferden(sl). Astrid Lindgrens Kindheit war traumhaft und unbeschwert – glücklicherweise. Denn die Erlebnisse aus Kindertagen, die Menschen, mit denen sie aufwuchs, und die Natur rund um den Hof Näs im schwedischen Småland, auf dem sie mit ihren drei Geschwistern lebte, trugen dazu bei, dass Astrid Lindgren, deren Spitzname Bele war, nie die Ideen für ihre zahlreichen Kinderbücher ausgingen.

 

Autorin Christina Björk hat sich in „Von Kletterbäumen, Sachensuchern und kitzeligen Pferden“ auf die Spuren von „Astrid Lindgrens Kindheit“ begeben und fördert so manches zutage, das selbst dem Lindgren-Kenner unbekannt sein dürfte. Dabei richtet sich ihr Buch im Gegensatz zu anderen biografischen Werken über Astrid Lindgren nicht nur an Erwachsene, sondern ist besonders kindgerecht geschrieben, aus dem Schwedischen von Dagmar Brunow übersetzt. Authentizität gewinnt das Buch insbesondere auch dadurch, dass Astrid Lindgrens Tochter, Karin Nyman, und ihre Nichte, Barbro Alvtegen, das Manuskript zum Buch gelesen haben, wie in der einleitenden Danksagung zu lesen ist.

 

Chronologisch folgt Christina Björk Astrid Lindgrens Weg durch die Kindheit, zeigt wo und wie sie aufwuchs, wer ihre Freunde waren, welche Spiele sie mit ihren Geschwistern spielte, was sie alles angestellt hat und wie es ihr in der Schule erging. Im Plauderton wie eine alte Freundin erzählt sie von Dingen, als sei sie dabei gewesen. Doch die Stärke des Buches „Von Kletterbäumen, Sachensuchern und kitzeligen Pferden“ liegt in der Verbindung zu Astrid Lindgrens Werken: Immer wieder sind im Text Stellen gekennzeichnet, die man dann auf gelben Doppelseiten nachschlagen kann. Unter der Überschrift „Das wurde in den Büchern daraus“ zeigt Christina Björk die Passagen in Astrid Lindgrens Büchern und macht deutlich, wie viel aus den Kindertagen der Autorin tatsächlich in ihre Geschichten und Märchen eingeflossen ist. Besonders schön ist, dass auf diesen Seiten zahlreiche Originalillustrationen von Ilon Wikland und Björn Berg aus den Astrid Lindgren Büchern zu sehen sind.

 

„Von Kletterbäumen, Sachensuchern und kitzeligen Pferden“ besticht durch seinen Detailreichtum: So erfährt der Leser, dass Astrid Lindgren gemeinsam mit ihrem Bruder Gunnar Ericsson ein Spiel erfand, das sie „Salikon“ nannten. Es war einfach nur ein Stück Papier mit farbigen Kästchen, in denen „Salikon“ stand, doch für die Geschwister war es ein „ungeheuer magisches Zauberpapier“. Später verwendete Astrid Lindgren das Wort „Salikon“ in einem ihrer Bücher: Sie nannte einen Rosenbusch in dem Märchen „Allerliebste Schwester“ so. Noch heute gibt es das alte „Salikon“ auf Näs. Aber keiner weiß mehr, wie man damit spielt.

 

An anderer Stelle lernt der Leser Pelle kennen, den Cousin von Astrid Lindgrens Vater, der Stallknecht auf Näs war und auf einem Foto mit dem Pferd „König Fjalar“ zu sehen ist – „Fjalar“, so heißt auch das Pferd von Krümel in „Die Brüder Löwenherz“. Oder man findet ganz nebenbei den Hinweis, dass Astrid Lindgren sogar in einem der Michel-Filme zu sehen ist, als „altes Weiblein“ in einer Marktszene.

 

Astrid Lindgren hat meistens ihre eigenen Kindheitserinnerungen in ihre Bücher einfließen lassen, aber bei „Michel aus Lönneberga“ war es ihr Vater, Samuel August Ericsson, der Pate stand. Viele von Michels Streichen stammen aus den Erzählungen ihres Vaters, der als Kind ein Lausbub wie Michel war. Doch nicht immer waren es eigene Erlebnisse oder Geschichten aus der Familie, die Astrid Lindgren in ihren Büchern verarbeitete: Die Idee zu „Die Brüder Löwenherz“ kam ihr, als sie auf dem Friedhof in Vimmerby ein Grab mit einem schwarzen Eisenkreuz sah, auf dem stand „Die kleinen Brüder Johan Magnus und Achates Phalén“. Das Kreuz kann man heute noch sehen, nicht weit von Astrid Lindgrens schlichtem Grab, in dem sie bei ihren Eltern beerdigt ist.

 

„Von Kletterbäumen, Sachensuchern und kitzeligen Pferden“ ist liebevoll gestaltet: Die zahlreichen historischen Familienfotos wechseln sich mit zauberhaften Illustrationen in zarten Farben von Eva Eriksson ab, die den Text kongenial untermalen. Sie trifft genau die Stimmungen der beschriebenen Situationen und weiß an den richtigen Stellen humorvolle Details einzufügen. Bleibt zu hoffen, dass Eva Eriksson weitere Neuauflagen von Astrid Lindgrens Büchern illustrieren darf!

 

Die letzten elf Seiten, die sich mit grünem Rand vom Buch absetzen, sind ein kleiner Reiseführer durch Astrid Lindgrens Welt, in denen Christina Björk insbesondere den kleinen Leser ab zehn Jahren immer wieder direkt anspricht. Zahlreiche Farbfotos, die Christina Björk größtenteils selbst gemacht hat, zeigen die Gebäude in Vimmerby, die in Astrid Lindgrens Bücher vorkommen, beispielsweise den Bonbonladen in der Storgatan 40, in dem Pippi 18 Kilo Süßigkeiten kaufte. Nur 15 Minuten Fußweg entfernt liegt Näs, der Hof, auf dem Astrid Lindgren aufwuchs. Glücklicherweise sind die meisten Häuser noch erhalten, auch das große gelbe Haus, das als Vorbild für die „Villa Kunterbunt“ diente. Natürlich fehlt der Abstecher nach Bullerbü, das in Wirklichkeit Sevedstorp heißt und der Ort ist, in dem Astrid Lindgrens Vater aufwuchs, ebenso wenig wie Katthult. Betrachtet man die Fotos, glaubt man, dass einem Michel und Klein-Ida gleich entgegenspringen werden. Auch auf den Reiseseiten glänzt Christina Björk mit vielen Insiderinformationen, ohne dabei überheblich zu wirken, und macht Lust, den nächsten Urlaub in Småland zu verbringen.

 

Ein umfangreicher Anhang beschließt das Buch: In „So ging es weiter“ erzählt Christina Björk auf vier Seiten von Astrid Lindgrens Jugend, ihrem beruflichem Werdegang und von den zahlreichen Schicksalsschlägen, die sie als Erwachsene hinnehmen musste. Erst hier erfährt der Leser, dass es einem verstauchtem Fuß im Winter auf Glatteis zu verdanken ist, dass Astrid Lindgren die Geschichte von „Pippi Langstrumpf“ aufschrieb, als sie wochenlang ans Bett gefesselt war. Eine Jahreszahlenchronik folgt, die 1875 mit der Geburt von Samuel August Ericsson, Astrid Lindgrens Vater, beginnt und 2002 mit dem Tod der Kinderbuchautorin endet. Anschließend folgt eine komplette Übersicht aller Bücher von Astrid Lindgren, auch derer, die bereits vergriffen oder in jüngster Zeit als Neuauflagen mit neuen Illustrationen erschienen sind. Leider fehlt hier die Angabe des jeweiligen Illustrators. „Bücher über Astrid Lindgren“, „Bücher von Astrids Geschwistern“, von denen jedoch keines ins Deutsche übersetzt wurde, sowie Bildnachweis und Stichwortregister vervollständigen den Anhang.

Eine weitere Besonderheit des Buches „Von Kletterbäumen, Sachensuchern und kitzeligen Pferden“: Ein Teil des Verkaufserlöses ist für die Errichtung eines Astrid-Lindgren-SOS-Kinderdorfes in Zentralafrika bestimmt!

 

„Von Kletterbäumen, Sachensuchern und kitzeligen Pferden“ ist schlicht ein Schatz von einem Buch: Zauberhaft illustriert und ansprechend gestaltet, kurzweilig geschrieben und überaus informativ macht es fast ein wenig wehmütig, wenn man an die eigene Kindheit zurück denkt, und treibt einen sogleich ans eigene Bücherregal, um anschließend noch einmal in einem der alten Astrid Lindgren-Bücher zu schmökern. Einfach wunderschön!

 

Illustratorenportrait:

Eva Eriksson wurde 1949 in Halmstad/Schweden geboren und studierte nach dem Abitur an einer Kunstschule. Heute ist sie eine der bekanntesten und beliebtesten Kinderbuch-Illustratorinnen Schwedens und auch international erfolgreich. Sie wurde u.a. mit der Goldenen Plakette auf der Biennale der Illustrationen in Bratislava und dem Europäischen Jugendliteraturpreis „Provincia di Trento“ ausgezeichnet. Mit ihren liebenswerten Illustrationen der Geschichten über den kleinen „Max“ kam sie auf die Ehrenliste des Hans Christian Andersen-Preises. Für ihr Lebenswerk erhielt sie den „Elsa-Beskow-Preis“ und den „Astrid Lindgren Preis“ des schwedischen Verlages „Rabén & Sjögren“.

Von Kletterbäumen, Sachensuchern und kitzeligen Pferden

Christina Björk

Von Kletterbäumen, Sachensuchern und kitzeligen Pferden

Astrid Lindgrens Kindheit

Mit Illustrationen von Eva Eriksson

Aus dem Schwedischen von Dagmar Brunow

Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg

ISBN 978-3-7891-3168-4

1. Auflage 2007, 93 Seiten, mit zahlreichen meist farbigen Abbildungen, Hardcover gebunden, Format 20 x 25,5 cm.

Unverbindliche Preisangabe: € 16,90 (D) / € 17,40 (A) / sFr 30,10

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