Venedig – Stadt der Frauen
Liebe, Macht und Intrige in der Serenissima
(tkr).
Venedigs Männer waren immer um den Ruf ihrer Stadt bemüht: Sie führten
Krieg, plünderten, bespitzelten, diffamierten die Juden und verdienten
durch den Handel unverschämt viel Geld. Sie verhüllten ihre Raffgier,
Grausamkeit und Machtbesessenheit unter dem Mantel der Kunst, der Musik und
der Dichtung. Ihre Frauen spielten dabei keine große Rolle. Sie hatten
nur ihren „naturgegebenen Zweck“ zu erfüllen: sie sollten unterhalten,
inspirieren und dienen.
In „Venedig – Stadt der Frauen“ entdeckt Eva Gesine Baur das weibliche Venezia. Die Autorin portraitiert in dem Bildband 13 kluge, leidenschaftliche und begabte Frauen, die die Stadt Venedig auf subtile Weise prägten. So erfährt der Leser, dass der in Venedig gering geschätzte Komponist Antonio Vivaldi nur das Opernhaus füllte, weil seine Schülerin und Freundin Anna Giró eine begnadete Sängerin und der Liebling des Publikums war.
Man liest, wie Richard Wagner seine Frau Cosima regelmäßig zum Heulen brachte, weil er ihren Vater Franz Liszt nicht ausstehen konnte. Sie spielte ihm zuliebe die Rolle der Unterwürfigen und schrieb in ihrem Tagebuch: „Das Gefühl meines Unwerts steigert sich täglich“ Richard Wagner wusste jedoch, dass er es mit einer gebildeten Frau zu tun hatte und unterschätzte sie nicht. Viel mehr war er abhängig von ihr. Als sie einmal für drei Tage verreiste, fiel er in eine tiefe Schaffenskrise.
Auch die Kurtisane Veronica Franco machte die Männer von sich abhängig. Sie vergötterten die sinnliche Frau. Veronica Franco wurde zeitlebens von der venezianischen Gesellschaft kritisch beäugt. Man streute Gerüchte, sie habe die Syphilis in die Stadt geschleppt und zerriss sich das Maul darüber, in welchem Viertel die Kurtisane lebte, demonstrierte es doch ihren Kontostand und damit ihre Attraktivität. Über die exzentrische Peggy Guggenheim und ihre Beziehung zum amerikanischen Schriftsteller Truman Capote ist genauso zu lesen, wie über die einst begehrteste Pastellmalerin Europas Rosalba Carriera, an die sich inzwischen kaum jemand erinnert.
Dies sind nur fünf der 13 leidenschaftlichen Biographien die Eva Gesine Baur in „Venedig – Stadt der Frauen“ zusammengetragen hat. Sie erzählt die witzigen, spitzzüngigen oder tragischen Geschichten dieser venezianischen Frauen und lässt den Leser hautnah dabei sein. Die Parallelen und Unterschiede zu unserer heutigen emanzipierten Zeit sind gut erkennbar und machen die Portraits erst richtig aktuell. Eva Gesine Baur ist in ihrer Erzählweise weder plakativ, noch kann man ihr einen kämpferischen Feministen-Ton unterstellen.
Neben den Geschichten der Frauen lässt die Autorin sich immer wieder Zeit für kleine Ausflüge in die spannende Geschichte Venedigs. So erfährt der Leser, woher die venezianischen Männer einige Kunstwerke der Serenissima stahlen oder wie sie in der Stadt jüdische Ghettos einrichteten. „Venedig – Stadt der Frauen“ führt den Leser an Orte, die in keinem Reiseführer stehen und hält damit einige Anregungen für den nächsten Venedig-Urlaub bereit.
Bebildert wird der opulente Bildband „Venedig – Stadt der Frauen“ durch die ausdrucksstarken Farbfotografien von Thomas Klinger. Sie zeigen – soweit erhalten – Schauplätze und Sinnbilder der Geschichten sowie stimmungshafte Aufnahmen des morbid-schönen Venedigs. Ihre verschiedenen Größen sorgen für Abwechslung im Auge des Betrachters, binden den Text dennoch in einer klaren Linie ein. Die Bildsprache ist so vielfältig, dass jeder Betrachter sein eigenes Stück Venedig im Kopf entstehen lassen kann oder es wiedererkennen wird. Die 13 Protagonistinnen werden jeweils einmal auf Kunstdrucken abgebildet. Informationen zu den Bildern enthalten die Bildunterschriften. Darüber hinaus verweisen sie auf die Portraits, auf Weiterführendes zur Geschichte Venedigs sowie aktuelle Tipps für den nächsten Besuch der Serenissima. Wer wissenshungrig weiter lesen möchte, findet in der Bibliographie eine Auswahl an Quellen zu jedem Portrait.
Das Vor- und Nachwort der Autorin bildet die inhaltliche Klammer dieses Bildbandes. Damit gibt sie dem Leser sowohl eine Einführung als auch eine eigene Wertung an die Hand. In ihrem Fazit hält sie ein Plädoyer für die Leidenschaftlichkeit, die durchaus Leiden bedeuten kann, und gegen die Gleichgültigkeit, „eine Seuche, die heute die ganze angeblich zivilisierte Menschheit bedroht.“
Also lesen Sie leidenschaftlich: „Venedig – Stadt der Frauen“ liefert alles, was so ein Bildband braucht: Mitreißende Geschichten, grandiose Bilder und die richtige Portion Service. Klasse!
Autorenportrait:
Eva Gesine Baur, Dr. phil., hat in München und Salzburg Kunstgeschichte, Literaturwissenschaften, Musik und Gesang studiert. Sie lebt und arbeitet als Journalistin und Buchautorin in München und hat bereits zahlreiche Bücher, wie „Mein Geschöpf musst du sein“ und „Essen und Trinken mit George Sand auf Mallorca“, zu kulturhistorischen Themen veröffentlicht.
Fotografenportrait:
Thomas Klinger ist nach seiner Ausbildung bei Will McBride und Willy Fleckhaus seit 30 Jahren als freier Fotograf tätig. Seit 1980 ist er Dozent für Fotografie an der „Deutschen Journalistenschule“ in München. Er hat über 20 Bücher veröffentlicht und wurde für seine Arbeit mehrfach ausgezeichnet.
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