Schweizer Lexikon der populären Irrtümer
Missverständnisse und Vorurteile von Alpenklübler bis Zwingli
(mkb).
Die Schweiz steht für die direkte Demokratie, Neutralität, Berge,
Uhren, Schokolade und das Bankgeheimnis. Ein Land, um das die Mythen ranken
und ein Land voller Missverständnisse und Vorurteile. „Schweizer Lexikon
der populären Irrtümer“ von Franziska Schläpfer möchte nicht
vollständig mit Mythen, Missverständnissen und Vorurteilen aufräumen,
sondern in die Ursprünge eindringen und einige wissenschaftliche Erklärungen
dazu liefern.
Die Autorin geht alphabetisch gegen Halbwahrheiten und Missverständnisse vor, hat eingehend recherchiert und klärt gewissenhaft auf. Der Leser kann sich über die Anfangsbuchstaben von Begriff zu Begriff hangeln und so blätterte ich mich als Erstes in die Neutralität. Dort las ich, dass die Schweiz während dem Zweiten Weltkrieg wirtschaftliche Zugeständnisse an Hitler-Deutschland gemacht hat, dass sie sich in der Blütezeit des Kalten Krieges einem europaweiten Embargo gegen Osteuropa angeschlossen hat und Walter Wittmann sich zur Aussage hinreißen ließ: „(…) die Neutralität bewegt sich in luftleerem Raum.“ und nahtlos zur Behauptung übergeht: „Die schweizerische Neutralität, ob bewaffnet oder nicht, ist „zum Mythos degeneriert.““ Ein Mythos glaubte schon Goethe entdeckt zu haben und skizzierte mit spöttischer Feder den fast schon heiligen Freiheitsgedanken des Schweizers: „(…) und nun sitzen sie hinter ihren Mauern, eingefangen von ihren Gewohnheiten und Gesetzen“.
Zur Schweiz fällt jedem spontan einiges ein, und so stolpert man über Käse, Skifahrer oder das Frauenstimmrecht, welches bekanntlich erst 1990 durch einen Bundesgerichtsbeschluss auch dem Kanton Appenzell-Innerrhoden aufgezwungen worden ist. Auf gar keinen Fall darf die Verniedlichung „-li“ fehlen, die besonders den Deutschen zu Unarten wie dem „Fränkli“ hinreißen lässt, was den Schweizer ärgert: Ein „-li“ am Ende eines Nomens macht nämlich noch längst keinen Dialekt, beleidigt in diesem Falle höchstens eine stabile Währung.
Nach ausgiebigem Schmökern in diesem besonderen Lexikon lernt man Erstaunliches wie, dass die Schweiz zur seefahrenden Nation zählt. Mit der Nasenspitze wird man darauf gestoßen, dass die Schweizer in der Pisa-Studie auch ohne Ausländer nicht zwingend an der Weltspitze stünden und die Frage wird aufgeworfen, ob „Toblerone“ tatsächlich die Schweizer Schokolade ist.
Das Buch ist sicherlich nicht als Unterhaltungslektüre im Armsessel gedacht, eignet sich eher als Nachschlagewerk. Allerdings verleitet der Titel zum Trugschluss, dass es sich bei „Schweizer Lexikon der populären Irrtümer – Missverständnisse und Vorurteile von Alpenklübler bis Zwingli“ um ein mit Humor versetztes Werk handelt. Dem ist nicht so. Sachlich geht die Autorin auf jede Position ein und lässt sich niemals zu reißerischen Äußerungen herab, was durchaus sympathisch wirkt.
Abschließend gebe ich der Autorin Franziska Schläpfer das Wort, die ihren ungewöhnlichen Beweggrund zum Erstellen dieses Lexikons mit den Lesern teilt: „Die grösste Genugtuung der Autorin wäre: dass der Streit zwischen Laien und Gelehrten nicht immer zugunsten der Wissenschaftler endet. Die Laien haben ihre eigenen Gründe. Erstens sind manche Irrtümer menschfreundlicher als die reine Wahrheit. Und zweitens ist die so genannte Wahrheit vielleicht auch nur die gerade fortgeschrittenste Form des Irrtums.“
Autorenportrait:
Franziska Schläpfer, geboren 1945, verantwortliche Redakteurin für die Schweizer Ausgabe des „Buchjournal“, leitete jahrelang die Zeitschrift „Der Schweizer Buchhandel“ und schreibt als freie Kulturjournalistin unter anderem für den „Tages-Anzeiger“. Sie ist Autorin zweier Biographien und lebt in Zollikon.
© Copyright by: *tipp Redaktionspool Butjadingen