Ruf des Dschungels
Sabine Kuegler auf der Suche nach ihren Wurzeln
(mkb).
Mit „Dschungelkind“
hat Sabine Kuegler einen Bestseller geschrieben, West-Papua auf der Landkarte
für jedermann sichtbar gemacht. In „Ruf des Dschungels“ geht sie einen
Schritt weiter, wühlt damit nicht nur in Kindheitserinnerungen, sondern
begibt sich auf politischen Grund. Es ist, als habe sie erschrocken zum Stift
gegriffen und sei die Stimme all jener geworden, die im Kampf um die Befreiung
ihrer Heimat verfolgt, eingesperrt, gefoltert und im besten Fall ausgewiesen
worden sind.
Gleich zweimal kehrt Sabine Kuegler in „Ruf des Dschungels“ nach West-Papua zurück: Einmal zu den Fayus, wo sie ihre Kindheit wieder finden möchte, und einmal in die Hauptstadt Jayapura, um den verzweifelten Rufen des von Indonesien unterdrückten West-Papua grenzüberschreitend Gehör zu verschaffen. Regelmäßig verschwinden dort Menschen aus ihren Häusern, Folter und Mord gehören zum Alltag, seit die Holländer ihrer Kolonie die Autonomie wiedergegeben haben.
Die damals sechsjährigen Freundinnen Mari und Sabine werden Zeuginnen einer Hinrichtung, fliehen vor den Richtenden und gleichzeitig der Erinnerung – bis der Jugendfreund Jon zurück in Sabines Leben tritt. Mit ihm und seinem Engagement für die Freiheit West-Papuas bricht Verdrängtes wieder auf. Diesmal fliegt die Autorin mit einer Mission nach Indonesien, möchte öffentlich machen, was bislang kaum auf journalistisches Interesse gestoßen ist: Menschenrechte, die mit Füßen getreten werden, von der Straße gefegte Demonstranten, Regimekritiker, die spurlos verschwinden, nicht selten in Massengräbern wieder auftauchen: Unrecht im Namen des Gesetzes. Wie schon so oft ist die Macht des Geldes die Triebfeder für die Unterdrückung eines ganzen Landes; in diesem Falle sind es die Bodenschätze West-Papuas, die sich zwischen die Bewohner und ihre Freiheit stellen.
Ist die zweite Reise Sabine Kueglers politisch motiviert, so hat sie sich bei den Fayus schlicht auf die Suche nach ihren Wurzeln gemacht. Aufgewachsen in einer großen Familie, einem damals von der Zivilisation noch unberührten Stamm im Dschungel, wird das Leben der Autorin in dem fremden, im Vergleich sozial verwahrlosten Deutschland zum Kampf. Es prallen die Extreme unterschiedlichster Wertvorstellungen aufeinander und so macht sie sich auf die Suche nach ihrer Vergangenheit und will bei den Fayus die verloren gegangene Geborgenheit wieder finden – doch stattdessen holt sie die eigene, innere Zerrissenheit und die Erkenntnis ein, dass Politik, Korruption und Hass bis tief in den Dschungel dringt, die Idylle von einst nicht mehr so idyllisch ist, wie sie sie als Kind erlebt hat.
Behänd springt die Autorin zwischen den beiden Reisen hin und her, trennt sie phasenweise lediglich in der Zeitform voneinander, bewältigt die Rückkehr zu den Fayus in der Vergangenheit, ihre politische Reise in der Gegenwart. Das aus gutem Grund, denn nach und nach verschmelzen die beiden unterschiedlich motivierten Besuche zu einem, und die Gefahr, die bislang nur außerhalb des Dschungels vorhanden war, dringt immer tiefer in das Fayu-Gebiet vor.
„Ruf des Dschungels“, übersetzt aus dem Englischen von Angela Tori, setzt sich nicht nur politisch, sondern auch in der Schreibweise merklich von Sabine Kueglers Erstlingswerk ab. Die kindliche Erzählweise in „Dschungelkind“ wirkte manchmal beinahe aufzählerisch, „Ruf des Dschungels“ ist sowohl vom Spannungsbogen, als auch vom Satzbau her anspruchsvoller und abwechslungsreicher gestaltet. Besonders einnehmend auch die zahlreichen teils farbigen Abbildungen, die den zuvor geschilderten Eindruck über den Dschungel noch verstärken.
„Ruf des Dschungels“ ist ein Buch, das nicht nur auf das Dschungelleben, sondern ebenso auf die Politik einer benachteiligten Insel eingeht und vielleicht mit dem aufflammenden Interesse des Westens ein Hoffnungsschimmer für die Unabhängigkeit West-Papuas werden könnte.
Autorenportrait:
Sabine Kuegler, geboren 1972 in Nepal, kam mit fünf Jahren in den Dschungel von West Papua, wo ihre Eltern, deutsche Sprachwissenschaftler und Missionare, einen neuen Wirkungskreis gefunden hatten. Zusammen mit ihren beiden Geschwistern verlebte sie dort ihre Kindheit und Jugend fernab der Zivilisation. Mit 17 Jahren kehrte sie nach Europa zurück. Die Sehnsucht nach dem Dschungel und seinen Menschen lässt sie seither nicht mehr los. Ihre Kindheitserinnerungen schrieb sie in dem Buch „Dschungelkind“ nieder, das zum Besteller wurde.
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