Piraten
Schrecken der Weltmeere
(mag).
Von Piraten geht ähnlich wie von Bankräubern eine seltsame Faszination
aus: Obwohl es Verbrecher sind, genießen sie bei allen, die nicht persönlich
mit ihnen zu tun hatten, große Sympathie und heimliche Bewunderung. Kleine
Jungen verwandeln sich mit Hilfe einer Augenklappe in einen unerschrockenen
Piraten, und Erwachsene sehen sich gerne Piratenfilme an, wie der große
Erfolg des Kinofilmes „Fluch der Karibik“ mit mittlerweile zwei Fortsetzungen
gezeigt hat. So beginnt das umfangreiche Sachbuch „Piraten“ der Autoren Wolfram
zu Mondfeld und Barbara zu Wertheim zunächst mit der Fragestellung „Nationalhelden
oder Verbrecher?“
Die Autoren gehen kurz auf das Missverständnis zwischen Dichtung und Wahrheit ein, erläutern unter anderem die Begriffe „Seeräuber, Pirat, Korsar, Freibeuter“, um dann einen umfassenden Überblick über die Geschichte des Piratenwesens zu geben. „Dieses Buch ist die Geschichte von Männern und Frauen im Zwielicht des Gesetzes, mit ihrer Schäbigkeit und Größe, ihren Verbrechen und ihrem Glanz, Männern und Frauen, denen man den Namen „Wölfe des Meeres“ gegeben hat“ fassen die Autoren das Anliegen ihres Buch zusammen.
Wolfram zu Mondfeld und Barbara zu Wertheim beginnen ihre Geschichte der Piraten in der griechischen Mythologie und suchen nach den enthaltenen historischen Wahrheiten. Ausgehend vom Mittelmeer erzählen sie die Entwicklung der Seeräuberei. Da überrascht es, dass die alten Ägypter keine Piraten kannten, bis sie selbst überfallen wurden und dass Julius Cäsar als junger Mann Opfer von Seeräubern wurde, was für die Piraten kein gutes Ende genommen hat. Die Autoren zeigen in ihrem historischen Überblick die Zusammenhänge zwischen der politischen Entwicklung einer Region und dem Entstehen von Piraterie, den Kampf der Obrigkeit gegen die Seeräuber und das Ausnutzen der Kaperfahrer für die eigenen Zwecke. Piraterie zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte, wie die Kapitel über Klaus Störtebeker, die Wikinger, das Mittelalter, arabische Piraten, Staatspiraten in der Karibik und der Südsee, den Sklavenhandel, asiatische Piratinnen und die modernen Piraten unserer Zeit zeigen. Dabei geling es dem Autorenpaar die umfangreichen Sachkenntnisse sehr unterhaltsam darzustellen. Das Buch liest sich ebenso spannend wie ein Seeräuberroman.
Alle bekannten und weniger berühmten Piraten werden vorgestellt und nicht selten räumen die Autoren mit falschen Vorstellungen auf. Angereichert wird der fundierte Sachtext mit Anekdoten, die auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden. So erfährt der Leser, dass es Piraten mit Holzbein gegeben haben mag, dass diese Männer ihre aktive Laufbahn des Schiffenterns aber sicherlich beendet hatten. Die Autoren gehen anhand von historischen Beispielen der Frage nach den vergrabenen Schätzen, Schiffskatzen und Piratenflaggen sowie anderen Accessoires des Piratenwesens nach. Das Buch „Piraten“ stellt auch erstaunliche Zusammenhänge dar, so hat zum Beispiel der Pirat Jean Lafitte, nachdem er Karl Marx und Friedrich Engels in Paris kennen gelernt hatte, mit seinem Geld 1848 den Druck der ersten Ausgabe des „Kommunistischen Manifests“ mitfinanziert. Die Fülle der Informationen erschlägt den Leser zuweilen, was aber bei einem so kenntnisreichen Sachbuch nicht weiter verwundert. Der kurzweilige Schreibstil der Autoren, die immer wieder durchscheinende Sympathie für die Piraten und der feinsinnige Humor machen das Sachbuch zu einem Lesevergnügen voller Abenteuer. Illustriert ist das Buch „Piraten“ mit zahlreichen Porträts und Schiffsbildern, lediglich eine aussagekräftige Karte fehlt.
Das sehr empfehlenswerte Sachbuch „Piraten“ hat nur einen wirklichen Nachteil: Es hat kein Register der vielen, vielen auftauchenden Namen. Der begeisterte Leser wird das Buch beim ersten Mal sicher in einem Schwung durchlesen, aber beim Nachlesen einzelner Details würde ein Index das Auffinden der entsprechenden Seiten im Buch wesentlich erleichtern. Vielleicht eine Anregung (oder doch eher eine Bitte!) für die zweite Auflage.
Den Abschluss des Buches „Piraten“ bildet ein Blick auf das Piratenwesen unserer Zeit. Zunächst zeigen Wolfram zu Mondfeld und Barbara zu Wertheim die Rolle der Seeräuber in der Literatur, im Film und in der Werbung sowie im Kinderzimmer. Dann lenken sie den Blick des Lesers kurz auf das Phänomen der Produktpiraterie, die politisch motivierte Piraterie von Flugzeugen (als Ersatz für das für Laien aufwendigere Kapern von unübersichtlichen Schiffen) und die Gefahren für die moderne Seefahrt in Asien. Weil die Seeräuber unserer Tage nicht wirkungsvoll bekämpft werden, wird die Geschichte der Piraten auch nach den ersten 3.000 Jahren kein Ende nehmen.
„Piraten“ ist ein spannendes Sachbuch, das den Leser mit auf abenteuerliche Kaperfahrten und Beutezüge zur See nimmt!
Autorenportrait:
Wolfram zu Mondfeld ist Schriftsteller, Historiker, Grafiker und international bekannter Schiffsmodellbauer. Für seine außergewöhnliche wissenschaftlich-künstlerische Leistung erhielt er im Jahr 2003 das Bundesverdienstkreuz. Gemeinsam mit seiner Frau Barbara zu Wertheim verfasst er außerdem erfolgreiche historische Romane.
© Copyright by: *tipp Redaktionspool Butjadingen