In langer Reihe über das Haff

Die Flucht der Trakehner aus Ostpreußen

In langer Reihe über das Haff(asp). Sie verloren ihre Heimat im Zweiten Weltkrieg, so wie Millionen Menschen. Sie mussten fliehen, hungerten, starben zu tausenden. Während das Schicksal der menschlichen Opfer dieses grausamen Krieges jedoch längst ins Licht der Vergangenheitsbewältigung gerückt ist, ist das ihrige bis heute vergleichsweise unbekannt. Eine Journalistin hat sich ihrer nun angenommen, hat mit ihrem Buch über die Flucht der Trakehnerpferde aus Ostpreußen ein Kapitel der Vergangenheit ins Bewusstsein gerufen, das ein kleines, aber ohne Frage ergreifendes der deutschen Geschichte darstellt. „In langer Reihe über das Haff“ hat Patricia Clough dieses Buch genannt, nach der Fluchtroute der Pferde aus dem ostpreußischen Trakehnen über das „Frische Haff“ – die westlichere der beiden lang gestreckten Lagunen an der ostpreußischen Ostseeküste – in den sichereren Westen.

 

Alles beginnt im Winter 1944: Die Rote Armee marschiert in Ostpreußen ein. Viel zu spät bekommen die Menschen die Erlaubnis der nationalsozialistischen Behörden zu fliehen. Im letzten Moment erst kann auch Ernst Ehlert als Landstallmeister des „Gestüts Trakehnen“ die Evakuierung der Pferde veranlassen. In langen Trecks verlassen Menschen und Tiere am Morgen des 17. Oktober 1944 das prächtige Anwesen mit den prunkvollen Stallungen und den weiten Wiesen. Dass es für immer sein wird, weiß zu diesem Zeitpunkt niemand. Erst rückblickend bekommt dieser Tag die Bedeutung eines historischen Moments in der Geschichte der Trakehnerrasse – es ist das Ende des jahrhundertealten und legendären „Gestüts Trakehnen“. 1731 von Friedrich Wilhelm I. als Königliches Privatgestüt gegründet, avanciert Trakehnen zur Wiege einer einzigartigen Pferderasse, berühmt für ihre Anmut und Widerstandskraft. Ab 1787 bekommen die Tiere die siebenzackige Elchschaufel als Brandzeichen, von 1888 an dann die doppelte – bis heute Symbol für Härte, Genügsamkeit, Leistungsbereitschaft und Schönheit. Doch mit dem Einmarsch der Roten Armee droht dieser einzigartigen Pferderasse das Aus. Mit jedem Tag rücken die Luftangriffe der Russen näher, doch Landstallmeister Ernst Ehlert wartet vergeblich auf die Erlaubnis zur Flucht. Erst, als es schon fast zu spät ist, kommt das Signal zur Evakuierung. Die Flucht nach Westen beginnt und wird zu dem wohl spannendsten und gleichzeitig dramatischsten Kapitel in der Trakehner-Geschichte. Hunderte Kilometer müssen die Tiere zurücklegen, ohne Wasser, ohne Futter – viele sterben, andere erreichen krank und geschwächt den sicheren Westen. Immer an ihrer Seite die Menschen, deren Wagen die Pferde durch Eis, Feuer und Bombenhagel ziehen. Die Flucht der Trakehner aus Ostpreußen wird zu einer Geschichte unwiederbringlicher Verluste, aber auch zu der einer beeindruckenden Freundschaft zwischen Mensch und Pferd, die auf beiden Seiten Leben rettete.

 

Autorin Patricia Clough hat mit „In langer Reihe über das Haff“, aus dem Englischen von Maja Ueberle-Pfaff übersetzt, ein wirklich spannendes Zeugnis einer einzigartigen Flucht geschrieben. Anhand des Schicksals einzelner Familien nimmt sie das der Pferde in den Blick, womit ihr ein persönlicher Zugang zu dem Thema gelingt. Darüber hinaus berichtet sie von der Geschichte der Trakehnerrasse, ihrer Einzigartigkeit, ihrer Anmut und ihres Temperaments. Eine Reihe von Schwarzweiß-Aufnahmen, die dank der informativen Bildunterschriften sofort einzuordnen sind und keinerlei Fragen offen lassen, zeigen das Gestüt, Landstallmeister Ernst Ehlert, Szenen der Flucht und natürlich die Pferde selbst.

 

Einzig zu bemängeln ist die gewählte Form des Buches, eine Art Doku-Drama, das manchmal dort, wo Fakten allein für sich gesprochen hätten, unnötig dramatisiert. Anstelle des Heraufbeschwörens von Bombenhagel und Peitschenknallen ganz so, als sei Patricia Clough dabei gewesen, hätte die Wiedergabe ihrer Gespräche mit den Zeitzeugen in Form direkter Erlebnisberichte sicherlich authentischer gewirkt. Zudem springt die Autorin zeitweise stark zwischen verschiedenen geschichtlichen Ereignissen, deren Zusammenhänge unklar bleiben. Nichtsdestotrotz: „In langer Reihe über das Haff“ ist allein dank seines Themas ein lohnenswertes Buch, das insbesondere Pferdefreunden Vergnügen bereiten dürfte. Auch alle Geschichtsinteressierten sollten sich das kompakte Buch nicht entgehen lassen, denn die Flucht der Trakehner aus Ostpreußen ist zweifelsohne ein lehrreicher, spannender und beeindruckender Teil deutscher Geschichte.

 

„In langer Reihe über das Haff“ ist erzählte deutsche Vergangenheit aus einer neuen, ungewöhnlichen Perspektive, ist eine Chronik vom Ende des Zweiten Weltkrieges und die Zuchtgeschichte der Trakehnerrasse, kurz gesagt: „In langer Reihe über das Haff“ ist es wert, gelesen zu werden!

 

Autorenportrait:

Patricia Clough hat viele Jahre als Korrespondentin in Deutschland für große englische Zeitungen wie die „Times“ oder den „Independent“ und hat zahlreiche Artikel zur deutschen Innen- und Außenpolitik veröffentlicht. Heute lebt sie in Rom.

In langer Reihe über das Haff

Patricia Clough

In langer Reihe über das Haff

Die Flucht der Trakehner aus Ostpreußen

Aus dem Englischen von Maja Ueberle-Pfaff

Deutscher Taschenbuch Verlag, München

ISBN 978-3-423-34349-7

Aktualisierte Taschenbuchausgabe, 1. Auflage 2006, 188 Seiten, mit 12 s/w-Abbildungen, Taschenbuch.

Unverbindliche Preisangabe: € 8,50 (D) / € 8,80 (A) / sFr 15,20

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