Einmal Jenseits und zurück

Ein Koffer für die letzte Reise

Einmal Jenseits und zurück(sl). Mit dem Kofferpacken in spielerischer Form hat sich sicher jeder schon mal beschäftigt, sei es beim klassischen „Ich packe in meinen Koffer“-Spielen oder bei der Frage, was man auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Was aber würden Sie einpacken, wenn man Ihnen einen leeren Koffer überreichen würde mit der Bitte, diesen für Ihre letzte Reise zu packen – für die Reise nach dem eigenen Tod? Dieses Experiment hat Fritz Roth gemacht und die Ergebnisse in dem Buch „Einmal Jenseits und zurück“ veröffentlicht.

 

Etwas skurril mutet die Bitte schon an, einen „Koffer für die letzte Reise“ zu packen. Wer beschäftigt sich schon gerne mit dem Tod, erstrecht mit dem eigenen? Doch in den letzten Jahren – dank auch der Hospiz-Arbeit – hat sich das Thema Sterben und Tod immer mehr aus der Nische des Tabus wieder in die Gesellschaft zurück bewegt, wenn auch in sehr kleinen Schritten. Dazu tragen sicher auch Menschen wie Herausgeber Fritz Roth bei, der als Bestatter und Trauerbegleiter die Beerdigungsbranche aufrüttelte und medienwirksam von sich und dem Thema Tod reden machte.

 

Seine Koffer-Idee ist genial! Doch leider mangelt es an der Umsetzung: Auffällig viele Medienleute, wie Journalisten und Verleger, Chefredakteure und Moderatoren sowie ebenso viele Menschen, die sich Berufswegen schon mit dem Tod auseinandersetzen, wie Mediziner und Krankenschwestern, Hospiz-Mitarbeiter und Seelsorger, Theologen und Trauerredner wurden am Projekt beteiligt. Hinzu kommt ein großes Potential an Künstlern, Fotografen und anderen Kreativen sowie ein regionaler Nenner: Die meisten stammen aus Nordrhein-Westfalen, der Heimat des Herausgebers, und sind somit überwiegend katholisch, außerdem ist der größte Teil zwischen 50 und 60 Jahre alt.

 

Es fehlt ganz klar die Bandbreite in „Einmal Jenseits und zurück“, sehr schade! Warum wurde nicht die 20-jährige Prostituierte vom Hamburger Kiez befragt, der türkische Gemüse-Händler aus Berlin-Kreuzberg, die 35-jährige Rezeptionistin des Nobel-Hotels in München, der Kapitän der Bodenseefähre gefragt? Wo ist der Wärter des Heimatmuseums, die Bäckersfrau um die Ecke, der Müllmann, die Garderobiere des Theaters? Warum fehlen Ausländer und Menschen anderer Religionen und Glaubensrichtungen ganz in dem Buch? Sie alle sterben auch, sie alle hätten sich vielleicht auch gerne der Frage gestellt, und den Leser hätte nicht das Gefühl beschlichen, dass die Koffer doch zu einseitig verteilt wurden.

 

Dennoch sind die 103 Ergebnisse der zurückgeschickten Koffer, in alphabetischer Reihenfolge der Teilnehmer sortiert, sehr interessant. Und ein paar – aber eben viel zu wenig – „Ausreißer“ gibt es ja auch: Ein Metzger, der seinen Koffer mit vier handgeschriebenen Zetteln (Liebe, Entschuldigung, Nein, Danke) zurückgibt, weil er ideelle Werte für wichtig erachtet, eine Stewardess, die Zeit zum Lesen vermisst und deswegen – obwohl sie nicht an ein Danach glaubt – Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ in den Koffer gepackt hat, und der Soziologie-Professor, dessen Koffer leer bleibt, weil er auf „das Licht“ hofft.

 

Leer bleiben einige der Koffer, der der Bestatterin, des Architekten und Künstlers, der ehemaligen Vorstandssekretärin, die sich ehrenamtlich im Hospiz bestätigt und für ihre letzte Reise nur „Gottvertrauen“ benötigt. Den Satz „Das letzte Hemd hat keine Taschen“ liest man mehrmals. In einigen Koffern befindet sich nur ein Gegenstand: Der Pressesprecher des Erzbistums Köln möchte nur einen Rosenkranz mitnehmen, die Mediengestalterin ein Dosentelefon, um mit den Menschen in Kontakt zu bleiben, „die mir in meinem Leben begegnet sind“, der Journalist eine Eisenkette, um „dem ein oder anderen Armleuchter als Gespenst zu erscheinen“. Andere Koffer quellen über vor Gegenständen, fast immer sind Fotos dabei und – wie schön! – viele Menschen packen ein oder mehrere Bücher ein.

 

Jeder, der am Koffer-Projekt teilgenommen hat, wurde gebeten, ein Begleitschreiben auszufüllen. Dort sollten die Teilnehmer etwas zu ihrer Person schreiben sowie was sie einpacken und warum. Dazu hat jeder ein persönliches Bild von sich gelegt. Eben diese Schreiben und Fotos sind im Original zu sehen, was das ganze sehr authentisch macht. Leider kann man aber nicht jede Schrift entziffern. Es wäre wünschenswert gewesen, eine gedruckte Form der Schreiben lesen zu können. Außerdem kann man manches Mal nicht erkennen, was alles in dem Koffer liegt, und es erschließt sich auch nicht immer aus dem Begleitschreiben des Kofferversenders. So bleibt einiges leider unklar. Aber spannend ist das Buch „Einmal Jenseits und zurück“ dennoch.

 

In der Gesamtschau ergab das Projekt ein berührendes, faszinierendes Bild dessen, was Menschen wirklich wichtig und nahe ist – oder dessen Nähe wir uns wirklich wünschen“, schreibt Fritz Roth in seinem Vorwort. Zurück bleibt der aufgewühlte Leser mit der Frage: Was würde ich in den Koffer für meine letzte Reise einpacken?

 

„Einmal Jenseits und zurück“: Trotz der genannten Kritikpunkte wird man sich lange mit diesem lesenswerten Buch beschäftigen!

Herausgeberportrait:

Fritz Roth, geboren 1949, Bestatter, Trauerbegleiter und Gründer der „Privaten Trauerakademie Fritz Roth“, gilt vielen Kollegen als „Enfant Terrible“ der Bestattungsbranche. Ausgebildet von dem anerkannten Trauertherapeuten Jorgos Canacakis, hat er es sich zur Aufgabe gemacht, den Menschen die Angst vor dem Tod und dem Alleinsein in der Trauer zu nehmen. Dreh- und Angelpunkt seiner Arbeit ist sein „Haus der menschlichen Begleitung“ in Bergisch Gladbach.

Einmal Jenseits und zurück

Fritz Roth (Hrsg.)

Einmal Jenseits und zurück

Ein Koffer für die letzte Reise

Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh

ISBN 978-3-579-03251-1

2. Auflage 2006, 221 Seiten, mit zahlreichen Farbfotos, Klappenbroschur gebunden, Format 16 x 23,5 cm.

Unverbindliche Preisangabe: € 19,95 (D) / € 20,60 (A) / sFr 36,10

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