Die Seerose im Speisesaal
Venezianische Geschichten
(tkr).
Wenn Prominente Bücher schreiben, werden diese meistens eine Abrechnung
mit Ex-Partnern und Kollegen oder ein Seelenstriptease auf Klatschspalten-Niveau.
Weder das eine noch das andere trifft auf Schauspieler Ulrich Tukurs literarischen
Erstling zu. In die „Seerose im Speisesaal“ sind elf tragische, komische und
anrührende Kurzgeschichten versammelt, die auf wahren Begebenheiten beruhen.
Sie alle sind in ihrer Kürze so dicht mit Leben gefüllt, das Ulrich
Tukur aus jeder von ihnen einen Roman hätte machen können. Die Geschichten
erzählen Episoden aus Venedig, wobei es nie um die Lagunenstadt selbst
geht, sondern diese nur als Kulisse dient. Als zweite unbeabsichtigte Klammer,
so schreibt Ulrich Tukur im Vorwort, habe sich der Tod ergeben. „Ich habe
ihn in dieser Stadt oft beobachtet, hier fühlt er sich wohl, er versteckt
sich nicht und hat auf San Michele die schönste Heimstatt gefunden, die
man sich denken kann.“
Ulrich Tukur wagt Ungewöhnliches: Mal schreibt er aus der Perspektive eines Toten, mal wird er autobiographisch. Seine Geschichten schlagen eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Fiktion und Realität. Er portraitiert die Veneter und dokumentiert die Serenissima als einen „Knotenpunkt, an dem vieles auf sonderbare Weise zusammenläuft, was nichts miteinander zu tun hat.“ Ulrich Tukur entdeckt das Besondere im Alltäglichen und sucht das Absonderliche in seiner morbiden Kulisse. So hängt am Deutschen Konsulat ein Klingelschild, das verblüffende Ähnlichkeit mit Hitler besitzt und die touristischen Gemüter in Aufruhe versetzt. Da gibt es den jungen Arturo, dem auf mysteriöse Weise so viel Geld für seine Eisdiele geboten wird, dass er Venedig endlich verlassen kann. Und es gibt natürlich Venedigs Kanäle, die öfter zum Grab werden als man denkt.
Ulrich Tukur bereitet dem Leser mit „Die Seerose im Speisesaal“ ein spannendes, sprachgewaltiges und anspruchsvolles Werk. Seine Sprache ist präzise gewählt und erzeugt klare und eindrucksvolle Bilder im Kopf des Lesers. Umrahmt sind die Geschichten von zahlreichen wunderschönen Schwarzweiß-Fotografien von Katharina John.
Mit Köpfchen statt Kitsch zeigt „Die Seerose im Speisesaal“ Venedig in all seinen Facetten. Bravo!
Autorenportrait:
Ulrich Tukur in Viernheim geboren, studierte Germanistik, Anglistik und Geschichte, bevor er an die „Staatliche Schauspielschule Stuttgart“ ging. Er spielte in Michael Verhoevens Film „Die weiße Rose“, später wurde das „Deutsche Schauspielhaus“ in Hamburg und die „Hamburger Kammerspiele“ seine künstlerische Heimat. Er bevorzugt abgründige, zerrissene Figuren wie zuletzt Stasioffizier Anton Grubitz in dem Oscar®-prämierten Film „Das Leben der Anderen“. Der Schauspieler lebt mit seiner Frau, der Fotografin Katharina John, in Venedig.
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