Die Kunst des Lokomotivführens
Ein Samstagabend in Melbourne
(pr).
Vic ist Lokomotivführer, seine Frau Rita ist Verkäuferin. Jeder weiß,
dass Vic trinkt. Auch Rita wusste es, bevor sie ihn heiratete, doch allen Warnungen
zum Trotz tat sie es trotzdem. Ob das allerdings eine gute Idee war, dass weiß
sie mittlerweile selbst nicht mehr so genau. Vic ist oft abwesend, und mit seinen
40 Jahren hat er sich einen Großteil seines Gehirns schon weggetrunken.
Seine Gedanken sind, wenn sie denn klar sind, meist bei den Zügen. Für
Vic ist sein Beruf eine Kunst, und er selbst ist der Künstler. Er braucht
die Instrumente und Anzeigen in der Lokomotive nicht, sondern er spürt,
wann er was zu machen hat. Immer öfter muss sein Sohn Michael ihm erklären,
was zu tun ist, ihn wecken und zur Arbeit bringen.
An einem Samstagabend sind sie alle Drei unterwegs zu der Verlobungsfeier ihrer Nachbarin Patsy Bedser, die allerdings gar nicht weiß, ob sie glücklich ob ihrer bevorstehenden Hochzeit sein soll oder nicht, denn sie hatte eine Affäre mit dem Verkäufer Jimmy. Die Ängste der Braut, die Vergangenheit des Brautvaters und die Pläne Ritas werden dem Hörer durch die Gedanken der Figuren mitgeteilt. An diesem Samstagabend hat Vics alter Lehrmeister Paddy Dienst. Er gehört zu den besten Lokomotivführern des Landes und fährt die großen Personenzüge des „Big Wheel“. Seine Schicht ist wie immer, bis etwas Schreckliches passiert, was sich sogar auf Vics Leben auswirken wird …
Die Grundstimmung in dem von Steven Carroll geschriebenen und von Peter Torberg aus dem Englischen übersetzten Buch „Die Kunst des Lokomotivführens“ ist melodramatisch. Seine Figuren träumen sich weg aus ihrem Leben, das ihnen trostlos erscheint. Doch es gibt auch kurze Momente des Glücks. Wenn Michael sieht, wie seine Eltern sich anlachen zum Beispiel, dann ist alles in Ordnung. Doch diese Momente sind kurz und kostbar und viel zu schnell wieder vorbei.
Die Stimmung in diesem Vorort von Melbourne in den 50er Jahren, der noch nicht Stadt und nicht mehr Land ist, fängt Steven Carroll in seinem Roman ein und Erzähler Michael Mendl gibt sie in der Hörbuchfassung wieder. Er liest den Text einfühlend und voller Verständnis für seine Figuren. Er weiß um die Situation der Figuren, um ihre Hoffnungen und Träume, die halb verblasst in der Vergangenheit liegen. Wenn man so viel vom Leben erwartet und so wenig bekommt, dann entsteht diese melancholische Stimmung, von der die ganze Vorstadt befallen scheint. Ist es denn eine besondere Vorstadt? Oder leben in Vorstädten grundsätzlich Leute, die nicht das Leben führen, das sie sich wünschen zu führen? Nein, dass wohl nicht. Es sind keine offensichtlich gescheiterten Menschen, die Steven Carroll porträtiert, doch der Autor entblößt sie, indem er sich in sie hinein versetzt und deshalb mehr von ihnen zeigt als nach außen sichtbar ist. Steven Carroll hat einfach irgendeine Vorstadtstraße porträtiert – und gleichzeitig alle.
„Die Kunst des Lokomotivführens“ ist ein Roman der leisen Töne, doch gerade dadurch fesselt er!
Autorenportrait:
Steven Carroll, 1949 in Melbourne geboren. Nach dem Studium arbeitete er zunächst als Englischlehrer, später als Musiker. Heute lebt er als Theaterkritiker und freier Schriftsteller in Brunswick/Victoria. Mit seinem vierten Roman „Die Kunst des Lokomotivführens“, der für die wichtigsten Literaturpreise des Landes nominiert wurde, schaffte er in seinem Heimatland den Durchbruch.
Erzählerportrait:
Michael Mendl wurde 1944 in Lünen geboren. Bereits als Jugendlicher jobbte er im Kino, bewarb sich dann als Statist am „Mannheimer Staatstheater“. Nach 25-jähriger Bühnenerfahrung kam er erst mit 47 Jahren zum Film. Er ist auch ein vielbeschäftigter Synchron- und Hörbuchsprecher.
© Copyright by: *tipp Redaktionspool Butjadingen