Die blinde Fotografin

Nachdenklich stimmende Erzählungen eines begabten Jungautors

(mkb). Kein Thema hat die Schriftstellerei über die Jahrhunderte so inspiriert, kein Thema wird in der Literatur so häufig wiedergegeben wie die Liebe. Die Liebe steht für Glückseligkeit und gleichzeitig für Traurigkeit, sie setzt im Volksmund dem Verliebten die rosarote Brille auf und lässt ihn erblinden. In den von Paul Brodowsky arrangierten Liebesgeschichten erblinden Protagonisten entweder psychisch oder physisch, und alles deutet darauf hin, dass der Titel „Die blinde Fotografin“ auf jenen Prozess hinweist.

 

Über den Erzählungen liegt ausnahmslos eine Tristesse, die nicht die leichte Leselektüre im Urlaub oder vor dem Einschlafen darstellt, stattdessen eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Fassetten des Liebeslebens geradezu herbeizwingt. In seinem Einstieg „Aufnahme“ nimmt der Jungautor seiner Hauptfigur und Fotografin langsam das Augenlicht, welches sie von ihrem Geliebten in Beschreibungen von Gegenständen und Erlebtem wieder einfordert. Sie schont ihn nicht, verlangt von ihm den Besuch in einem Club, befiehlt ihn dort an die Bar, wo er bis zur Untreue gehen soll: „(…) ich will, sagte sie, dass du dir ihren Körper einprägst, wie sich die Haut ihrer Beine anfühlt, ob sie auch ihr Oberteil über den Kopf zieht, oder ob du es ihr aufknöpfen musst (…)“ . Fast emotionslos nimmt jener die Weisungen entgegen, verfällt im Laufe der Geschichte, ohne für den Leser erkenntliche optische Trennung eines Absatzes und teilweise mitten im Satz, gedanklich immer wieder in die Vergangenheit, um am Ende seiner Reise den Körper der Fotografin an der Decke baumelnd aufzufinden.

 

„Im Flur“ und „Zoltan und ich“ hat die Untreue den Verlauf fest im Griff, und wieder scheint die daraus resultierende Traurigkeit, Wut und Fassungslosigkeit den Ich-Erzähler kaum zu berühren. Einmal ist es der Telefonbeantworter, der erst stumm, schließlich eindeutig den Seitensprung der Geliebten verrät, und ein andermal ist es die Musik, die gedämpft die Annäherung einer heimlichen Liebe ankündigt. Beide Male ahnt man die Traurigkeit und doch verfällt der Betrogene nicht in Aufruhr, sondern in Lethargie.

 

Für mich war es nicht der Inhalt, der meinen Lesefluss hemmte, sondern die nicht enden wollenden, lediglich durch Kommas voneinander getrennten Sätzen. In einem Satz finden Zeitsprünge statt, die zwischen Realität, Erinnerungen und Einbildung hin und her schnellen. „Judith“ musste ich zweimal lesen, bis ich verstand, dass jene Judith nicht die Geliebte, sondern in der Fantasie des Ich-Erzählers existiert, dass Realität und Einbildung zu einem Ereignis verschmelzen, bis Realität Einbildung und Einbildung Realität werden.

 

Empfehlenswert ist dieses Buch für alle, die nicht die Entspannung in ein paar Kurzgeschichten suchen, sondern sich auf den Versuchsballon des Autors einlassen, der – schriftstellerisch durchaus begabt – neu und doch dem Trend folgend nicht die Geschichte, sondern die Andeutungen einer Geschichte in den Vordergrund stellt, die Interpretation ganz alleine dem Leser überlässt.

 

Autorenportrait:

Paul Brodowsky, geboren 1980 in Kiel, lebt in Berlin. Er war Mitbegründer und von 2001 bis 2004 Mitherausgeber der Zeitschrift „Bella triste“.

Die blinde Fotografin

Paul Brodowsky

Die blinde Fotografin

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main

ISBN 978-3-518-41874-1

1. Auflage 2007, 132 Seiten, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag.

Unverbindliche Preisangabe: € 14,80 (D) / € k. A. (A) / sFr k. A.

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