Der Leuchtturm
Das bretonische Himmelfahrtskommando
(hpe).
1911: Europa befindet sich im Aufbruch. Der Erste Weltkrieg steht bevor, der
Fortschritt ist unaufhaltsam. In der Bretagne ist von alledem nichts zu spüren.
Dorthin verschlägt es in der Comic-Erzählung „Der Leuchtturm“ von
Bruno Le Floc'h einen Ingenieur aus Paris. Seine Mission: Einen Leuchtturm auf
einer Felsklippe zu bauen. Ein Himmelfahrtskommando angesichts der Umstände:
Denn der Stein, auf dem der Turm entstehen soll, befindet sich auf offener See
und nur an 20 Tagen im Jahr oberhalb des Wassers. Die Aufgabe fordert Opfer
unter den Arbeitern und braucht viel länger als es dem Ingenieur lieb ist.
Die Distanz Bruno Le Floc'hs zu seiner Hauptfigur zeigt sich schon darin, dass er ihr keinen Namen gibt. Der blonde Hüne aus der Stadt bleibt während der gesamten Erzählung, aus dem Französischen von Kai Wilksen übersetzt, „der Ingenieur“. Doch seine Einstellung zu dem zuerst verhassten Außenposten kehrt sich langsam um. Kommandiert er die ungebildeten Fischer, von denen viele nur ihren bretonischen Dialekt beherrschen, anfangs noch mit offensichtlicher Verachtung herum, beginnt er sie mit fortschreitender Zeit zu begreifen und mag die Umgebung selbst nach einem fast tödlichen Streit nicht mehr missen.
Gelungen ist der Kunstgriff von Bruno Le Floc'h, das Innenleben des Ingenieurs durch einen Briefwechsel mit einem seiner Freunde in Paris zu entschlüsseln. Zugleich zeigt er damit, wie sich das Leben seines Hauptdarstellers hätte entwickeln können, wenn die Regierung ihn nicht in die Pampa versetzt hätte.
Einfarbige Horizonte, dezente, meist dunkle Farben vermitteln in „Der Leuchtturm“ einen Eindruck von der ungemütlichen Umgebung und stehen im Kontrast etwa zu einer kurzen farbigen Episode in der Scheinwelt auf dem Schloss des Bürgermeisters.
Was uns „Der Leuchtturm“ damit vermitteln will, ist klar: Die Westküste Frankreichs mit seinen geradlinigen, mürrischen Bewohnern ist das einzig Wahre. Und jeder, der sich auf die Umgebung einlässt, wird es genau so sehen. So gelingt Autor Bruno Le Floc'h eine schroffe Liebeserklärung an seine Heimat und ein spannender Blick auf die Zeit des Leuchtturmbaus Anfang des 20. Jahrhunderts zugleich.
Autorenportrait:
Bruno Le Floc'h, 1957 in der Bretagne geboren, wurde durch die Begegnung mit dem Werk des italienischen Comic-Zeichners und -Autors Hugo Pratt, insbesondere dessen geheimnisumwitterten Seemann „Corto Maltese“, nachhaltig beeinflusst: Er besuchte eine Kunstgewerbeschule in Paris und arbeitete in der Folge zunächst als Storyboard-Zeichner für TV-Animationsserien und abendfüllende Zeichentrickfilme. 2003 legte er schließlich seinen ersten Comic „Au Bout du Monde“ vor, der bereits von einer Liebe zu maritimen Themen und den bretonischen Bildwelten von Malern wie Mathurin Méheut und Lucien Simon zeugte. Für das Szenario seiner 2004 veröffentlichten Comic-Erzählung „Der Leuchtturm“ („Trois Éclats blancs“) wurde er im selben Jahr mit dem renommierten „Prix René Goscinny“ ausgezeichnet.
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