Das Mädchen unter dem Dohlenbaum
Preisgekröntes einfühlsames Bilderbuch über den Tod des Vaters
(mag).
Was geht in einem kleinen Kind im Grundschulalter vor, wenn es den Tod seines
Vaters verarbeiten muss? In dem reich bebilderten Vorlesebuch „Das Mädchen
unter dem Dohlenbaum“ versetzt sich die finnische Autorin Riitta Jalonen in
die Lage eines kleinen Mädchens, das kürzlich seinen Vater verloren
hat. Während die Kleine vor dem Bahnhof auf ihre Fahrkarten kaufende Mutter
wartet, beobachtet sie einen Baum, auf dem ein paar Vögel sitzen und hängt
ihren Gedanken nach. Die schwarzen Dohlen, die sich vor dem noch dunklen Morgenhimmel
erheben, werden so zum Einstieg in die Gedanken zum Tod des geliebten Vaters.
Das Mädchen beschreibt sehr poetisch das Gefühl, wie es ist, wenn man jemanden vermisst. Sie denkt über das Erinnern nach und hat Angst vor einem Neuanfang, der noch mehr Abschiede bedeutet. Am eindrucksvollsten gibt der Satz „Früher habe ich Papa gesagt, aber jetzt sag ich Vater. Das ist der Unterschied“ die Gefühlslage des Kindes wider und macht sie so für kleine und erwachsene Leser nachvollziehbar. „Das Mädchen unter dem Dohlenbaum“, aus dem Finnischen von Anu Pyykönen-Stohner übersetzt, schildert die Traurigkeit des kleinen Mädchens, ohne darin zu versinken. Die Gedanken des Kindes sind klug, aber immer altersgerecht und nicht altklug. Es deutet die Hoffnung, die in einem Neuanfang liegt, vorsichtig an, ohne auf oberflächlichen Trost zu setzen. Die poetische Sprache findet Bilder in der Naturbeobachtung und gibt dem Buch einen ruhigen Grundton, der die Trauer unaufgeregt in tröstliche Worte fasst.
Neben dem überwiegend weiß hinterlegten Text stehen die Illustrationen von Kristiina Louhi. Die Bilder, die in kräftigen Farben gemalt sind, erstrecken sich jeweils über dreiviertel der Doppelseiten. Die recht dunklen Illustrationen, die das Mädchen frühmorgens unter dem Baum und die schwarzen Vögel zeigen, wechseln sich mit Bildern in ausgesprochen freundlichen Farben ab. Die sehr reduzierten Illustrationen geben Raum für eigene Gedanken und verstärken die Intention des Textes. Auch der Humor, der zwischen den traurigen Gedanken des Kindes durchscheint, findet sich in den Bildern, vor allem in der turnenden Nachbarin, wieder.
Es ist den beiden Finninnen gelungen, ein sehr einfühlsames Buch, in dem Text und Illustrationen perfekt harmonieren, zu gestalten. „Das Mädchen unter dem Dohlenbaum“ spricht durch seine einfühlsamen Texte und Bilder auch Erwachsene an. Ein Mensch, der um seinen Vater oder eine geliebte Person trauert, braucht unabhängig vom Alter ein bisschen Trost, den dieses Buch gerne spendet.
„Das Mädchen unter dem Dohlenbaum“ ist ein stilles Buch. Der Ton des Textes und die Farbigkeit der Bilder geben ein eindrucksvolles Bild von Trauer und Verlust, wie sie sich in den ganz unaufgeregten Alltagsgedanken eines Kindes widerspiegeln.
Autorenportrait:
Riitta Jalonen, 1954 geboren, zählt zu den renommiertesten finnischen Schriftstellerinnen. Für ihre Erwachsenenromane wie für ihre Kinder- und Jugendbücher erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen. „Das Mädchen unter dem Dohlenbaum“ wurde mit dem „Finlandia-Junior-Preis“, dem großen finnischen Staatspreis für Kinderbücher, ausgezeichnet.
Illustratorenportrait:
Kristiina Louhi, 1950 geboren, arbeitete mit beinah allen großen finnischen Kinderbuchautoren zusammen und veröffentlichte zahlreiche eigene Bilderbücher. Auch sie wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet.
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