Das Jahr magischen Denkens
Joan Didions preisgekröntes Buch über den Tod ihres Mannes
(mag).
Das Schriftstellerehepaar Joan Didion und John Gregory Dunne lebt nicht nur
zusammen, die beiden arbeiten auch gemeinsam, sodass in ihrer 40-jährigen
Ehe kaum ein Tag vergeht, an dem die beiden nicht 24 Stunden zusammen sind.
Als ihre erwachsene Adoptivtochter Quintana im Krankenhaus auf der Intensivstation
liegt, kommt es zur Katastrophe: John Gregory Dunne erleidet einen Herzinfarkt
und stirbt. Der plötzliche Tod ihres Partners stürzt Joan Didion in
eine tiefe Krise, gleichzeitig bangt sie um das Leben von Quintana. Neun Monate
nach dem plötzlichen Ableben ihres Mannes beginnt die amerikanische Schriftstellerin,
ihre Gedanken und Erlebnisse der vergangenen Zeit aufzuschreiben. Ihrem autobiographischen
Buch gibt sie den Titel „Das Jahr magischen Denkens“, sie beschreibt darin ihr
erstes Jahr als Witwe.
Nach dem Tod ihres Mannes lösen sich Joan Didions feste Vorstellungen von Leben, Tod und Schicksal auf. Sie versucht immer wieder die Ereignisse zu rekonstruieren und liest medizinische Berichte. Sie setzt sich mit der wissenschaftlichen Seite des Todes auseinander und sucht Antworten in der Literatur. Sie liest Freud, Melanie Klein und andere. Aus einigen dieser Texte zitiert sie interessante Auszüge. Immer wieder quält sie sich mit Erinnerungen, der Frage nach vermeintlichen Versäumnissen und sucht nach möglichen Vorahnungen des Todes. Joan Didions versucht ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, sie beschreibt die erste Zeit nach dem Tod ihres Mannes als eine Phase des Leides, das sie zu einem passiven Menschen werden lässt. Später gibt sie sich der Trauer um ihren Mann hin, was nicht mehr so lähmend für sie ist. Immer wieder aber reißen sie unerwartete Gedankengänge in einen tiefen Strudel zu ihrem Mann und dem damit verbundenen schmerzlichen Verlust. Die Sorgen um Quintana, das Warten am Krankenbett und der Versuch für ihre Tochter da zu sein, lenken ihre Gedanken für Momente vom Unfassbaren ab. Aber immer wieder kommt sie zu der Erkenntnis, wie wenig sie das Leben kontrollieren kann, zurück: „Das Leben ändert sich in einem Augenblick. In einem alltäglichen Augenblick.“
Joan Didion hat mit „Das Jahr magischen Denkens“ ein sehr persönliches, stellenweise intimes Buch geschrieben. Ein Buch, das auf beeindruckende Art und peinlich genau zeigt, was in einem Menschen vorgeht, der eine geliebte Person verloren hat. Die für Außenstehende unbegreifliche Leere, die Gedanken, die sich im Kreise drehen und sie immer mehr in die Tiefe ziehen, werden anschaulich dargestellt. Menschen, die diese Situation erleben oder erlebt haben, werden sich wieder erkennen können und vielleicht erleichtert feststellen, dass sie nicht allein sind mit ihren Gefühlen. Leser, die einen Menschen kennen, der einen ähnlich schweren Verlust verkraften muss, werden diesen eventuell besser verstehen können.
Joan Didion erwähnt in ihrem Buch, dass sie als 20-Jährige auf das Buch „Riß im Himmel quer“ von Dylan Thomas Witwe abfällig reagierte, wie sie das Selbstmitleid und das Gejammer der trauernden Frau scharf kritisierte. Auch mit dem Buch „Das Jahr magischen Denkens“ kann es einem Leser so ergehen. Dies ist nicht das neuste Buch der großen amerikanischen Schriftstellerin Joan Didion, sondern das erste Buch der Witwe Joan Didion. Ihr Bericht über ihr erstes Jahr nach dem Tod ihres Mannes ist voller Selbstmitleid und für den Leser stellenweise eine unerträgliche Auflistung von Nichtigkeiten, um sich auf keinen Fall mit dem Tod des Mannes auseinander zusetzten. Hier liegt nun die Stärke des Buches, seine Authentizität der Erlebnisse und Gedanken neben der Schwäche des Buches, der Distanzlosigkeit und sehr privaten Erfahrungen. Joan Didion fehlt verständlicherweise der Abstand zu den Ereignissen, um stilistisch ausgefeilte Sätze zu schreiben. Die Stellen, an denen sich die Autorin von den persönlichen Erlebnissen distanzieren kann und allgemeine Gedanken zum Tod formuliert, gehören zu den eindrucksvollsten und interessantesten des Buches. Das autobiographische Buch „Das Jahr magischen Denkens“ wurde von Antje Rávic Strubel aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt.
„Das Jahr magischen Denkens“ ist ein sehr persönliches Buch, das den Leser ganz dicht zu einem trauernden Menschen bringt.
Autorenportrait:
Joan Didion, geboren 1934 in Sacramento, Kalifornien, arbeitete als Journalistin für große amerikanische Zeitungen und war u.a. Mitherausgeberin der „Vogue“. Sie hat fünf Romane und zahlreiche Sachbücher veröffentlicht. Heute lebt sie in New York City. Sie wurde für „Das Jahr magischen Denkens“ mit dem „National Book Award“ ausgezeichnet. Ein knappes halbes Jahr nach Erscheinen des Buches stirbt auch ihre Adoptivtochter Quintana.
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