Zwei Leben
Porträt einer Liebe
(nas).
Ein junger Mann erkennt in langen Gesprächen mit seinem betagten Onkel,
wie wenig er bisher über diesen bewunderten Verwandten weiß. Er beginnt,
sich Notizen zu machen, aus denen vielleicht einmal ein Buch werden würde,
denn der junge Mann ist Schriftsteller und kein geringerer als Vikram Seth.
Als er dann auf dem Dachboden des Onkels einen Koffer seiner verstorbenen Tante
entdeckt, in dem sich Fotos und ihre ausführliche Korrespondenz befinden,
erhält er nicht nur Einblick in das ereignisreiche Leben seines indischen
Onkels Shanti und dessen deutscher Ehefrau Henny, sondern erfährt, wie
sich die grausamen Fakten deutscher Geschichte auf das Leben seiner Verwandten
auswirkten.
Aus den Gesprächsnotizen und Briefen wurde in jahrelanger Arbeit das Buch
„Zwei Leben“, in dem Vikram Seth in einer eigentümlichen Collage
aus Briefen, historischen Dokumenten, Fotografien und dem reportageartigen Einflechten
von Gesprächen und Erlebnissen ein Porträt dieser beiden ungewöhnlichen
Menschen zeichnet. Einfühlsam von Anette Grube aus dem Englischen übersetzt,
lassen besonders die zitierten Briefe das, auf den zahlreich schwarzweißen
Fotografien abgebildete, Paar und seine Freunde lebendig werden.
Während Onkel Shanti noch persönlich davon berichtet, wie er seine
große Liebe und mit ihr eine neue Heimat in Großbritannien fand,
können Persönlichkeit und Lebensweg der bereits verstorbenen Tante
Henny nur noch durch ihre Korrespondenz mit Freunden skizziert werden. Ihre
Briefe erweisen sich jedoch als wahrer Schatz für den Autor und den Leser.
Obgleich man sich, angesichts der teilweise sehr persönlich gehaltenen
Schriftstücke, mitunter fragt, ob es der Verstorbenen recht gewesen sein
kann, in ihren Briefen zu stöbern, ist es doch unmöglich, sich von
ihnen zu lösen. Zu ergreifend ist es, das Schicksal dieser eleganten jungen
Frau von den 1930er Jahren bis zu ihrem Tod im Jahr des Mauerfalls quasi mitzuerleben.
Ihre Korrespondenz offenbart, was in jedem deutschen Geschichtsbuch fehlt: Wie
es sich anfühlt, als jüdische junge Frau ins britische Exil zu gehen
und nach dem Krieg nicht nur von der Vernichtung der eigenen Familie in Konzentrationslagern,
sondern auch von der wahren Gesinnung echter und falscher Freunde erfahren zu
müssen.
Wie schwer Vikram Seth das Schreiben des Buches „Zwei Leben“ gefallen
sein mag, wird deutlich, wenn er schreibt: „Ich wußte anfänglich
nicht, womit ich beginnen sollte. Die Auswahl an kritischen Ereignissen und
Ausgangspunkten war zu groß (...) “ Die hier thematisierte
Schwierigkeit, die Fülle des Materials zu strukturieren, spiegelt sich
leider in mitunter ausufernd schwatzhaften Abschnitten zur weitreichenden indischen
Verwandtschaft des Onkels. Das Verwandtschaftsgeflecht gleicht trotz des Versuches,
die Beziehungen der genannten Personen im Anhang des Buches verkürzt darzustellen,
einem schwer durchdringbaren Dschungel. Dennoch gelingt Vikram Seths Vorhaben,
die beiden Leben dem Vergessen zu entreißen. Trotz mitunter langatmiger
Passagen beeindruckt das Buch durch seine Authentizität. Henny und Shanti
sind keine Erfindungen, sie haben die beschriebenen Leben wirklich gelebt, die
zitierten Briefe tatsächlich erhalten und geschrieben.
Es dürfte jedem Leser sehr schwer fallen, die „Zwei Leben“
einfach wieder zu vergessen.
Autorenportrait:
Vikram Seth wurde 1952 in Kalkutta geboren. Seine Mutter war die erste Richterin
an Indiens Oberstem Gerichtshof. Er studierte in Oxford und Stanford. In Kalifornien
entstand sein erstes Buch „The Golden Gate“, seine Reise von China
nach Indien durch den Himalaya hielt er in „From Heaven Lake“ fest.
Für seinen Weltbestseller „Eine gute Partie“ reiste er zwei
Jahre lang durch die Städte und Dörfer Indiens. 1999 erschien sein
gefeierter Roman „Verwandte Stimmen“. Er lebt in Neu Dehli und Salisbury,
England.
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