Wolkengucken
Eine offizielle Veröffentlichung der Cloud Appreciation Society
(mag).
Der englische Journalist Gavin Pretor-Pinney ist der Gründer der „Cloud
Appreciation Society“, der „Gesellschaft für die Wertschätzung der
Wolken“. Das Manifest dieses Vereins der Wolkenfreunde ist auch gleichzeitig
das Manifest seines Buches „Wolkengucken“. Darin heißt es unter anderem:
„Wir glauben, dass Wolken zu Unrecht verleumdet werden und das Leben ohne
sie unendlich viel ärmer wäre. Wir halten Wolken für die Poesie
der Natur und die demokratischste ihrer Schönheiten, da jedermann einen
fantastischen Blick auf sie hat. Wir geloben, den ‚Blauen-Himmel-Kult' zu bekämpfen,
wo immer wir ihn antreffen…“ Gavin Pretor-Pinneys erklärtes Ziel ist
es, das Image der Wolken aufzubessern und die Menschen dazu zu verführen,
den Kopf zu heben, um die Wolken zu betrachten. Da man aber nur die Dinge wirklich
sieht, die man auch versteht, hat er ein Sachbuch über Wolken geschrieben,
das sowohl informativ als auch unterhaltsam ist.
Die Kapitel des Buches „Wolkengucken“ beschäftigen sich jeweils mit einer Wolkengattung. Die Überschrift der Kapitel ist der lateinische Name der Wolkengattung. Doch schon der Untertitel erläutert auf humorvolle Art, um welche Wolken es sich handelt. Zu jeder Wolkenform gibt es eine kurze Übersicht ihrer Merkmale und ein paar kleine Fotografien, um sie besser erkennen zu können. Im darauf folgenden Text gelingt es Gavin Pretor-Pinney genau die richtige Mischung zwischen Information und Unterhaltung zu finden. Er möchte den Lesern die Wolken erklären, will dabei aber auf keinen Fall durch zuviel trockene Wissenschaft langweilen. Der Engländer setzt keinerlei meteorologische Vorkenntnisse voraus. Er erläutert unter anderem wie Wolken sich bilden, welche Rolle dabei die Landschaft auf der Erde darunter spielt und wie sie sich verändern. Er erklärt leicht verständlich die physikalischen Vorgänge am Himmel und benutzt dazu teilweise recht ungewöhnliche Erklärungshilfen. So erläutert Gavin Pretor-Pinney, die Rotfärbung des Abendhimmels mit Hilfe eines Zwergschwanes. Um die Phänomene am Himmel zu begreifen, schreckt er auch vor einem Besuch auf dem Londoner Fischmarkt nicht zurück. Dort sucht er nach „spanischen Makrelen“, um deren Zeichnung mit dem so genannten „Makrelenhimmel“ zu vergleichen. Dieses Kapitel ist sicher das witzigste, was jemals über diese Wolkenform geschrieben wurde – und der Leser kann sich sicher sein, dass er diese Wolkenformation nie wieder vergessen wird.
Gavin Pretor-Pinney interessiert sich jedoch nicht nur für die Wolken am Himmel, auch die Wolken in der Malerei, der Literatur und in Kinofilmen werden von ihm besprochen und wenn möglich klassifiziert. Der Leser erfährt etwas über die Bedeutung der Wolken in den unterschiedlichen Religionen und Mythen sowie dass eine mittelgroße Kumuluswolke soviel wiegt wie achtzig Elefanten. Er gibt ein Beispiel für einen Fall von knisternder Wolkenerotik – „Jupiter und Jo“ auf einem Bild von Correggio – und erläutert den Ursprung der „Cloud No. 9“. Wenn man erst einmal anfängt sich umzuschauen, erkennt man Wolken in den verschiedensten Bereichen des Lebens und eben nicht nur am Himmel.
Das Sachbuch „Wolkengucken“ vermittelt auf vergnügliche Art viel Fachwissen über Wolken in ihren unterschiedlichsten Erscheinungsformen. Gleichzeitig überträgt sich auch die Begeisterung des Autors für Wolken auf den Leser, man nimmt Wolken wieder ganz anders wahr. Ein Buch, von dem man mit Recht sagen kann, dass es den eigenen Horizont erweitert und dabei auch noch Spaß macht.
Ins Deutsche übertragen wurde „Wolkengucken“ von Martin Bauer. Seine besondere Leistung besteht darin, dass es ihm gelingt, nicht nur den Fachtext verständlich zu übersetzten, sondern auch den typisch englischen Humor von Gavin Pretor-Pinney für den deutschen Leser erkennbar zu machen. Nur an einer Stelle patzt Martin Bauer. Er übersetzt den englischen Ausdruck „it's raining cats and dogs“ mit dem deutschen Satz, „es regnet Schusterjungen“. Es mag Gegenden im deutschsprachigen Raum geben, in denen es „Schusterjungen“ regnet, bei den meisten aber „regnet es Bindfäden“ oder „wie aus Eimern“. Durch diese merkwürdige Übertragung macht der Übersetzter leider die Pointe des Niederschlag-Diagramms auf Seite 176 kaputt. Ansonsten hat Martin Bauer aber genau den richtigen Ton für dieses humorvolle Sachbuch gefunden.
Jedem Kapitel ist ein Holzschnitt von Bill Sanderson vorangestellt. Die schönen Bilder zeigen jeweils einen Wolkentypen über einer dazu passenden Landschaft. Diese Illustrationen sind nicht nur sehr dekorativ, sondern vermitteln dem Betrachter auf einen Blick, welche Wolken als nächstes besprochen werden und erleichtern so das Verständnis des Textes. Das Buch „Wolkengucken“ enthält neben einem achtseitigen Farbteil, mit dessen Hilfe der Leser sein Wolkengucker-Diplom“ machen kann, auch zahlreiche Schwarzweiß-Fotografien. Das Sachbuch „Wolkengucken“ ist kein Fotoband, sondern versteht sich eher als Handbuch zum selber gucken. Zum Abschluss des Buches befindet sich noch ein umfangreiches nützliches Register.
„Wolkengucken“ ist ein wunderbares Buch, für alle, die gerne mal den Blick in den Himmel richten. Aber seien sie gewarnt: Nach der Lektüre dieses Buches werden auch Sie anfangen, den blauen Himmel todlangweilig zu finden.
Autorenportrait:
Gavin Pretor-Pinney ist Journalist, außerdem Mitbegründer und Creative Director des britischen Magazins „The Idler“. Er studierte an der Oxford University. Als Kind war er überzeugt, dass Männer mit ellenlangen Leitern in den Himmel steigen und von den Kumuluswolken Watte ernten würden. Aus seiner unbändigen Begeisterung heraus gründete er „The Cloud Appreciation Society“, eine Vereinigung, die sich gänzlich den unterschätzten fragilen Luftgebilden verschrieben hat. Er lebt abwechselnd in London und Somerset, immer mit dem Kopf in den Wolken.
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