Versuch über Schiller

Thomas Manns Schiller-Rede

Versuch über Schiller(sgr). Thomas Mann macht es dem Leser nicht einfach. Wer seine Werke kennt, weiß das – und er wird das auch vom „Versuch über Schiller“ annehmen. Thomas Manns Sprache ist mindestens gewöhnungsbedürftig, entfaltet lange Sätze, ist metaphorisch und verschlungen in Form und Inhalt. Aber sie ist auch einzigartig, ist ausgezeichnet arrangiert und somit ein Lesevergnügen. Der Leser ist gezwungen, sich bei der Lektüre zu konzentrieren, aufmerksam der Syntax zu folgen und feinfühlig auf die symbolischen Bezüge zu achten. Gelingt ihm dies, kann er den Text jedoch genießen und einem Schiller-Verehrer folgen, der es als Ehre und Bürde verstand, zum 150. Todestag Schillers eine Rede zu halten.

Der „Versuch über Schiller“ bietet keine Einführung in Schillers Werk und Leben, keine geschlossene Abhandlung von akademischer Genauigkeit und keine Behandlung von Detailfragen. Es handelt sich um einen Essay der eine subjektive Wertschätzung wiedergibt, eine Reminiszenz an einen Dramatiker und Dichter, dessen Werk der Begründung und Vermittlung der menschlichen Freiheit verschrieben ist. So sieht Thomas Mann, persönlich geprägt durch die historischen Erfahrungen vom Untergang der Moral und der Freiheit, in Schiller eine Bastion der Selbstbestimmung, einen Verfechter der Kunst, deren Aufgabe stets die Vorstellung von Moral und Menschlichkeit ist.

Aus dem gegenwärtigen Blickwinkel erscheint Thomas Manns „Versuch über Schiller“ leicht als eine allzu pathetische, gelegentlich auch schwülstige Klassikerverehrung. Dabei ist zu bedenken, dass dieser Essay die Stimmlage der 1950er Jahre trifft, die uns heute als eine eigentümliche, zu unkritische Huldigung erscheint. So schreibt Helmut Koopmann, selbst detaillierter Schiller-Kenner, in seinem Nachwort zu Recht davon, dass sich hier „rhetorischer Gottesdienst“ kenntlich mache. Diesen Sachverhalt gilt es bei der Lektüre des „Versuch über Schiller“ zu beachten: Kritische Distanz klingt nur selten an. Für objektiv-analytische Sichtungen Friedrich Schillers gibt es jedoch ausreichende Fachliteratur, hier geht es um die subjektive Würdigung eines großen Schriftstellers – gehalten von einem großen Schriftsteller. Helmut Koopmanns informatives Nachwort rückt dabei den „Versuch über Schiller“ in ein adäquates Licht, zeigt Stärken wie Schwächen des Schiller-Bildes von Thomas Mann auf und rundet diesen kleinen, feinen Band ab.

„Versuch über Schiller“ ist somit ein lesenswerter Essay über die Bedeutung der Kunst, ein Plädoyer für die Beschäftigung mit Friedrich Schiller, dessen Werke Thomas Mann immer wieder auf die Formel der Freiheit und der Humanität bringt. Die überschwängliche, teilweise schon überladene Sprache mag zunächst befremdlich wirken, entfaltet aber bei intensiver Lektüre ihre Qualitäten. So bleibt Thomas Manns kurze Rede ein Dokument, das zwar unserem gegenwärtigen Schiller-Bild nicht mehr recht entsprechen will, als literarischer Text jedoch allemal lesenswert ist!

Autorenportrait:
Thomas Mann wurde1875 in Lübeck geboren. 1933 verließ er Deutschland und emigrierte zunächst in die Schweiz, dann in die Vereinigten Staaten. Dort hatte er ab 1938 eine Professur an der Universität Princeton inne. Sein literarisches Werk von Weltruhm umfasst Romane wie „Der Zauberberg“, „Buddenbrooks“ oder „Doktor Faustus“. Thomas Mann starb am 12. August 1955 in Zürich.

Versuch über Schiller

Thomas Mann
Versuch über Schiller
Silberburg-Verlag, Tübingen
ISBN 3-87407-656-3
1. Auflage 2005, 143 Seiten, Broschur, Format 12 x 19 cm.
Unverbindliche Preisangabe: € 9,90 (D) / € k. A. (A) / sFr k. A.

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