Verschwörung gegen Amerika

Beeindruckender Roman mit beklemmender Erkenntnis

Verschwörung gegen Amerika(sgr). „Verschwörung gegen Amerika“ ist zunächst autobiographisch angelegt. Hier schildert Philip Roth seine eigene Kindheit und Jugend, verarbeitet er die Erfahrungen einer jüdischen Familie, die sich doch eigentlich immer und zuerst als amerikanische Familie bestimmt hat. Doch da wir immer auch sind, was die Anderen aus uns machen, wird der Familie Roth im Roman schnell klar: Mit der Inauguration Charles Lindberghs als Präsident sind sie vornehmlich Juden – Amerikaner sind sie nur noch an zweiter Stelle. Keine Frage: Das Amerika unter Lindbergh ist nicht mit Hitlers Deutschland gleichzusetzen. Und doch gelingt es Philip Roth, mit feinen Akzentuierungen Tendenzen aufzuweisen, seine Handlung subtil aufzubauen und dennoch gewichtige Parallelen aufzuzeigen. Jüdische Familien werden zwangsweise umgesiedelt, die Väter müssen langjährige Jobs aufgeben und schlechtere Arbeiten übernehmen, die Solidarität innerhalb der jüdischen Gemeinschaft wird aufgebrochen, Opportunisten trennen sich von den Standhaften.

Stellvertretend für die Motivanlage in „Verschwörung gegen Amerika“ steht die Figur Alvins: Als Cousin des kleinen Philip entscheidet er sich für seine Prinzipien und gegen die menschenverachtende Allianz zwischen Lindberghs Amerika und Hitlers Deutschland. In Kanada schließt er sich freiwillig dem Kampf gegen den faschistischen Terror in Europa an und zieht in den Krieg. Doch Alvin verkörpert nicht die Figur des strahlenden Helden; zwar zieht er mutig und draufgängerisch ins Feld, doch seine rasche Rückkehr verdeutlicht nur den zweifachen Verlust: den seines Beines und den seiner Illusionen. So wird Alvin nicht zum glorreichen Widerstandskämpfer, sondern zum traurigen Beispiel der Ohnmacht des Einzelnen und zur weiteren Beschwernis des Familie Roth, die von nun an den depressiven und stets kränkelnden Invaliden durchbringen muss.

Philip Roth vermischt in „Verschwörung gegen Amerika“ Autobiographie, Zeitgeschichte und Fiktion, aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz übersetzt. Das Material für die dichten Beschreibungen des jüdischen Lebens im New Jersey der späten 1930er und frühen 40er Jahre entnimmt er seinen Kindheitserinnerungen, verbindet dann diese persönlichen Erfahrungen mit dem teils latenten, teils offensichtlichen Antisemitismus Amerikas und erweitert diese Melange um den fiktiven Teil einer faschistischen Regierung. Aus dem Roman wird somit eine Dystopie, die verzerrende und erschreckende Vision eines alternativen Geschichtsverlaufs. Beängstigend dann der Blick in den Anhang: Roth gibt hier die Quellen an, anhand derer der Leser nachvollziehen kann, wie nah die Geschichte in „Verschwörung gegen Amerika“ eigentlich daran war, wirkliche Geschichte zu werden. Zusammen mit den ebenfalls hier angeführten Kurzbiographien der entscheidenden Figuren des Romans wird „Verschwörung gegen Amerika“ zu einem beeindruckenden Werk, das dem Leser die beklemmende Erkenntnis vermittelt: Es hätte alles auch ganz anders kommen können.

Autorenportrait:
Philip Roth, geboren 1933 in Newark, New Jersey, wurde mit bedeutenden Preisen für sein literarisches Werk ausgezeichnet, unter anderem mit dem Pulitzer-Preis. Im Jahre 2001 erhielt er die Goldmedaille für Belletristik, die höchste Auszeichnung der „American Academy of Arts“ für sein Gesamtwerk.

Verschwörung gegen Amerika

Philip Roth
Verschwörung gegen Amerika
Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz
Carl Hanser Verlag, München
ISBN 3-446-20662-0
1. Auflage 2005, 432 Seiten, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag.
Unverbindliche Preisangabe: € 24,90 (D) / € 25,60 (A) / sFr 44,50

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