Venice
Ein amerikanisches Tagebuch
(law).
Armin-Mueller Stahl, bekannt aus vielen Hollywoodfilmen und der Filmreihe „Die
Manns“, gehört unbestritten zu den erfolgreichsten deutschen Schauspielern.
Dass er nebenbei auch Konzertgeiger, Maler und Schriftsteller ist, wissen die
wenigsten – ein Grund mehr, seine Qualitäten als Romancier genauer
unter die Lupe zu nehmen.
„Ich wettete mit meinem Freund Joseph Gordon, einem eigenwilligen
und großartigen Drehbuchautor, dass man Filmgeschichten auf der Straße
auflesen könnte, man muss sich bloß bücken, sie aufheben“
– so beginnt Armin Mueller-Stahls neuester Roman „Venice –
Ein amerikanisches Tagebuch“. Die Wette gilt, und der Ich-Erzähler
hebt tatsächlich etwas auf: Einen obdachlosen, verschwiegenen Kauz, einen
ehemaligen Bankdirektor, der nun jenseits des Glamours von Hollywood in den
Straßen von Venice Beach, Los Angeles, lebt. Erst nach mühsamen Annäherungsversuchen
gelingt es, ihm seine Geschichte zu entlocken.
Die Geschichte des „Freunds aus Venice“ ist vor allem die
Geschichte seines Vaters, den er nie kennen gelernt hat, der Jazzgitarrist gewesen
sein soll und deutscher Soldat im Zweiten Weltkrieg, später Kriegsgefangener
in New Mexico und sein Leben lang unter falscher Identität auf der Flucht.
Alles, was seinem Sohn von ihm geblieben ist, ist eine Komposition, das „Rommel-Trommellied“,
das er nun in einsamen Momenten auf der Third Street spielt. Sein Zuhörer
ist berührt von dieser Geschichte, längst geht es nicht mehr um die
Wette, und er beginnt, den Homeless heimlich für einen Dokumentarfilm filmen
zu lassen... .
Armin Mueller-Stahl spielt sich selbst als Ich-Erzähler dieses Romans,
das merkt man spätestens bei kleinen Einschüben aus dem Leben des
Schauspielers, etwa bei den „Bayerischen Filmpreisen“ oder der Eröffnung
einer Galerie. Die autobiografischen Passagen wirken inmitten der fiktiven Geschichte
aber eher deplatziert, wie eitle Anekdoten eines selbstverliebten Künstlers.
Glücklicherweise dauern solche Ausflüge aber nie länger als einige
Absätze, wenig später geht es zurück zum Venice Beach, wo der
Roman seine ganz starken Momente hat.
Armin Mueller-Stahl entpuppt sich als Meister des Dialogs, schnell und direkt
verlaufen seine Strandgespräche, aber immer ruhig, ohne ein Wort zu viel:
„Besonders abends, wenn die Lichter angehen, die Glitzerei beginnt,
dann bin ich wer. / Wer sind Sie dann? fragte ich. / Dann bin ich ich. / Der
Philosoph von Venice. / Hören Sie auf, nichts will ich sein, weder General
noch Dichter oder Philosoph. / Was wollen Sie denn sein? / Warum soll ich was
sein wollen? Ich bin doch wer. / Und das genügt Ihnen? / Freilich genügt
mir das. / Da staune ich. / Staunen Sie ruhig.“
Auch in den längeren Erzählteilen behält Armin Mueller-Stahl
seinen wunderbar reduzierten und doch lebendigen Sprachstil bei. Immer wieder
wechseln Perspektiven und Treffpunkte, später kommt das Spiel mit dem Kameramann
dazu, der versucht, den Obdachlosen unbemerkt zu filmen. Atemlos wird man beim
Lesen immer mehr in das Geschehen auf den Straßen von Los Angeles hineingezogen
– die Geschichte um den verlorenen Vater entfaltet sich dabei fast beiläufig,
bleibt aber bis zum Schluss spannend.
So mag es den Leser vielleicht nicht kümmern, dass der Titel „Venice
– Ein amerikanisches Tagebuch“ ein Versprechen nicht hält:
Der Roman ist mit seinen vielen Dialogen und Schauplätzen eigentlich kein
Tagebuch mehr. Zwar beginnt jedes Kapitel mit einer Datumsangabe, der Text selber
hat stilistisch jedoch nichts mit einem Tagebuch gemeinsam. Vielmehr hat Armin
Mueller-Stahl hier ein Drehbuch geschrieben, gewissermaßen das Drehbuch
zu dem Film, den der Kameramann im Laufe des Romans aufzeichnet. Einschübe
wie „Pause.“ wird man wohl in keinem Tagebuch finden, in
einem Drehbuch gehören sie zum Standardinventar. Vielleicht brauchte Armin
Mueller-Stahl die Tagebuch-Verkleidung, um seine kleinen Selbstreflektionen
darin unterzubringen – notwendig ist sie jedenfalls nicht.
Doch wen kümmert der äußere Anstrich – innen, auf den
über 140 Seiten des Romans, entwickelt Armin Mueller-Stahl einen ganz eigenen
Stil, der Spaß macht beim Lesen, weil er unkompliziert und doch viel sagend
ist, schlicht und doch stimmungsvoll. Eitelkeit mag eine der Schwächen
des Schriftstellers Armin Mueller-Stahl sein, Pathos ist es nicht. Es ist nur
eine kleine Geschichte, die er uns hier erzählt, eine von Millionen kleiner
Geschichten des Alltags, die man täglich auf der Straße auflesen
kann. Und doch ist man ihm dankbar, dass er sich wenigstens dieses eine Mal
gebückt hat und „Venice – Ein amerikanisches Tagebuch“
für uns aufhebt.
Autorenportrait:
Armin Mueller-Stahl, geboren 1930 in Tilsit, ist nicht nur einer der erfolgreichsten
deutschen Schauspieler, sondern auch Konzertgeiger, Maler und Schriftsteller.
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