Unser armer Schiller

Eine respektlose Annäherung

Unser armer Schiller(mag). Die Einleitung zu dem Buch „Unser armer Schiller“ ist genauso ungewöhnlich, wie das ganze Werk. Autor Johannes Lehmann beginnt seine Schiller-Biographie im Jahr 1779, da ist Schiller gerade 20 Jahre alt. Mit wenigen Sätzen führt Johannes Lehmann den Leser in die Zeit ein: Welche Mode wird getragen, welche Musik wird gerade komponiert und welche Theaterstücke geschrieben, die Dampfmaschine beginnt ihren Siegeszug, und die Vereinigten Staaten von Amerika gibt es schon drei Jahre. Der Leser erhält so ganz schnell ein Bild von der Zeit, in der Schiller gelebt hat.

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit der Beerdigung Schillers. Normalerweise steht die Beisetzung nicht am Anfang einer Lebensgeschichte. Johannes Lehmann hat für sein Vorgehen jedoch eine einleuchtende Erklärung: Schiller ist insgesamt dreimal beerdigt worden. „Da drei Beerdigungen nacheinander wohl jeden Leser ermüden würden, war es sicher besser dieses bei unserem Helden so ungewöhnlich häufige Phänomen über das Buch zu verteilen.

Der Autor legt großen Wert darauf, dass der Leser das Buch „Unser armer Schiller“ mit großem Vergnügen liest. Dies gelingt ihm, da er einen ganz eigenen Erzählton hat. Der Stil ist recht salopp und manchmal geradezu flapsig, aber nie albern. Johannes Lehmann beschreibt selbst seine Beweggründe, sich mit Schiller zu beschäftigen. „Ich habe Lust, einmal all dem Nachzugehen, was meist nicht in den Biographien steht oder was beschönigend und abwiegelnd dargestellt wird – ich fürchte, es ist eine ganze Menge. Ich bin gespannt, was am Leben Schillers vertuscht, verfälscht oder idealisiert wurde.“ Von diesem Ausgangspunkt hat er eine kurzweilige munter geschriebene Biographie verfasst, die nicht nur für Fachleute eine lohnende Lektüre ist, da sie vollen Fakten und profundem Wissen steckt sondern auch für interessierte Leser ein echter Gewinn ist.

Johannes Lehmann nennt seine Schiller-Biographie im Untertitel „Eine respektlose Annäherung“, sein Buch ist aber alles andere als respektlos gegenüber Friedrich Schiller. Das Buch ist geprägt von einer tiefen Sympathie und Bewunderung für den Dichter. Respektlos und höchst parteiisch springt der Autor lediglich mit Wolfgang von Goethe um, an dem er eigentlich kein gutes Haar lässt. Der, wie Johannes Lehmann ihn immer wieder nennt, „Olympier“ oder „Unvergleichliche“ wird rabiat von seinem Sockel gestoßen und steht dann recht lächerlich und unzulänglich da. Allein diese gemeinen Spitzen gegenüber Goethe machen das Buch zu einem großen Lesevergnügen.

Zum Ende des Buches „Unser armer Schiller“ schreibt Johannes Lehmann wie die nachfolgenden Generationen Schiller für sich in Beschlag genommen haben. Dabei zeigt er ausführlich den recht eigenwilligen Umgang mit dem Nationaldichter im Dritten Reich auf. Die zahlreichen Parodien auf Schillers bekannteste Werke fehlen bei so einer vergnüglichen Lebensgeschichte natürlich auch nicht.

Im Anhang der Biographie gibt es eine kurze Zeittafel, in der die wichtigsten Stationen Schillers aufgeführt sind, es folgt eine Literaturauswahl, die hauptsächlich die benutzten und zitierten Werke auflistet und den umfangreichen Anmerkungsteil. „Unser armer Schiller“ enthält fast 550 Fußnoten, die man zum Verständnis des Buches aber nicht beachten muss, die dem interessierten Leser aber eine große Fülle von zusätzlichen Informationen bieten.

Die Biographie „Unser armer Schiller“ ist ein vergnügliches Buch für alle, die sich für Schillers Leben interessieren, aber keine Lust auf einen verstaubten Klassiker haben!

Autorenportrait:
Johannes Lehmann, geboren 1929 in Madras (Indien), studierte in Halle, Westberlin und Edinburgh Publizistik, Philosophie, Theologie und Psychologie. Er bereiste die ganze Welt, arbeitete bei der „Deutschen Presse-Agentur“ und ab 1963 als Redakteur beim „Süddeutschen Rundfunk“, wo er jahrzehnte lang die Sendung „Bücherbar“ verantwortete. Daneben hat er sich als Autor erfolgreicher Sachbücher einen Namen gemacht.

Unser armer Schiller

Johannes Lehmann
Unser armer Schiller
Eine respektlose Annäherung
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek
ISBN 3-499-23270-7
2. Auflage 2005, 335 Seiten, Taschenbuch.
Unverbindliche Preisangabe: € 8.90 (D) / € k. A. (A) / sFr 16,50

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