Studs meets music

Studs Terkel im Gespräch mit großen Musikern des zwanzigsten Jahrhunderts

Studs meets music(law). „ Die Wahrheit ist aber, dass das Leben selbst Musik ist“. So beginnt „Studs meets music“, die neu erschienene Interviewsammlung des legendären Journalisten Studs Terkel. Die folgenden über 230 Seiten liefern den Beweis dafür: 26 Gespräche mit einigen der größten Musiker des 20. Jahrhunderts finden sich in diesem Sammelband, auch über ihre Musik, aber vor allem über Geschichten und Begegnungen, die ihr Leben geprägt haben.

 

Ravi Shankar erzählt, wie er Beatle George Harrison das Sitarspiel beibrachte, Louis Armstrong beschreibt, warum er bei jedem Song ein „spirituelles Gefühl“ hat, Pianist Alfred Brendel philosophiert, wie der Lärm von Kühlschränken das Gefühl für Stille und Musik verletzt, Bob Dylan erklärt seine Songtexte und Dizzy Gillespie berichtet von einem Konzert, bei dem antiamerikanische Stimmung in Euphorie verwandelt wurde: „Vergesst die Politiker, schickt Musiker!

 

Dass es sich bei diesen Interviews nicht um gewöhnliche Frage-Antwort-Spiele handelt, dafür steht schon der Name Studs Terkel. Seine brillante Fragetechnik, sein profundes Wissen und sein unglaubliches Einfühlungsvermögen haben ihn zu dem amerikanischen Interviewer des 20. Jahrhunderts gemacht und ihm unter anderem den Pulitzer-Preis beschert. Angefangen hat seine Karriere Mitte der 1940er Jahre mit einer einstündigen Musik-Radioshow – die Arbeit mit Musik ist gewissermaßen die Heimat des mittlerweile 94-Jährigen. Das zeigt sich auch in der großen Bandbreite an Erfahrung, mit der er erst den schweißnassen Louis Armstrong in einem verrauchten Jazzclub empfangen und im nächsten Moment mit Operntenor Jon Vickers über die metaphorischen Elemente in Puccinis „Tosca“ sprechen kann.

 

Aufgeteilt ist „Studs meets music“, Originaltitel „And They All Sang“, in die drei Teile Klassik, Jazz und populäre Musik. Die Unterkapitel sind thematisch eher frei gewählt und tragen Namen wie „Liebestod“ oder „Salzburg“. Umrahmt werden die Interviews von Einleitung und Danksagung des Autors sowie biografischen Anmerkungen zu den Musikern.

 

Es empfiehlt sich, diese biografischen Anmerkungen, die im Buch an hinterer Stelle stehen, zuerst zu lesen, denn generell gilt für „Studs meets music“: Je besser man die Künstler bereits vorab kennt, desto interessanter und spannender wird die Lektüre der Interviews. Denn der einmalige Interviewstil von Studs Terkel geht sehr in die Tiefe, lässt dabei aber für oberflächliche Smalltalk-Informationen notgedrungen keine Zeit. Bei Lichtgestalten wie Bob Dylan oder Keith Jarrett, deren Platten in jedem gut sortierten Wohnzimmerregal stehen, mag das unproblematisch sein, doch mal ehrlich: Kennen Sie Tito Gobbi oder Sol Hurok?

 

Die Interviews beginnen oft unvermittelt, manchmal ganz ohne einleitende Frage – teilweise sind sie auch Zusammenschnitte aus mehreren Gesprächen über Jahrzehnte hinweg, sozusagen eine „Best-of-Compilation“, deren Schnittpunkte aber ungekennzeichnet bleiben. So werden die Gespräche in „Studs meets music“ zu einer fast literarischen Form, was sie allemal interessanter macht als gewöhnliche Interviews aus der Boulevardpresse, aber auch anspruchsvoller. Studs Terkel lässt seinen Partnern viel Raum zum Reden, interveniert kaum, hält nur hier und da mit einem eingestreuten Satz den Redefluss aufrecht. Wer sich da noch fragt: „Wer ist der Kerl eigentlich?“, ist schon abgehängt.

 

Wer aber über seine Lieblingsmusiker wirklich neue und spannende Details erfahren will, wird begeistert ihren Worten folgen. Liebevoll versieht Studs Terkel die Aufzeichnungen immer wieder mit zusätzlichen Informationen wie „[Während er erklärt, spielt er zur Demonstration.]“, „[Er flüstert enzückt.]“oder „[Eine lange, wehmütige Pause.]“. Deshalb und dank der guten Übersetzung aus dem Amerikanischen von Kristian Lutze kann man sich bestens in die Stimmung der Gespräche einfühlen. Lediglich an manchen Stellen wirkt die deutsche Fassung etwas umständlich, wie bei der Bezeichnung „Impresario“ für einen Künstleragenten, die im Englischen zwar noch gebräuchlich, hierzulande aber veraltet ist.

 

„Studs meets music“ ist ein kluges Buch über die Musik, Künstler und ihr Lebensgefühl – manchmal schwierig, aber nie abgehoben und keinesfalls nur für Musikwissenschaftler. Wenn in Ihnen auch nur ein kleiner Musikfan steckt und Sie zumindest einen Teil der hier genannten Musiker bereits kennen, finden Sie in diesem Sammelband eine Symphonie kleiner unvergesslicher Momente.

 

Autorenportrait:

Studs Terkel, geboren 1912 in der Bronx, ist der Mann, der Amerika interviewte. Berühmt wurde er durch seine tägliche einstündige Radiosendung „The Studs Terkel Show“ und bisher zwölf Interviewbücher, mit denen er die Tradition der „oral history“ mitbegründete. Für „The Good War“ erhielt er 1985 den Pulitzer-Preis. Auf Deutsch erschien zuletzt „Gespräche um Leben und Tod“.

Studs meets music

Studs Terkel

Studs meets music

Studs Terkel im Gespräch mit großen Musikern des zwanzigsten Jahrhunderts

Aus dem Englischen von Kristian Lutze

Verlag Antje Kunstmann, München

ISBN 3-88897-453-4

1. Auflage 2006, 240 Seiten, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag.

Unverbindliche Preisangabe: € 19,90 (D) / € k. A. (A) / sFr k. A.

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