Sexualität im Mittelalter

Zwischen Keuschheitsgürtel und Freudenhaus

Sexualität im Mittelalter(nas). Wie war das doch gleich? Sex ist eine Sünde, und wer um sein Seelenheil besorgt ist, vollzieht ihn ausschließlich der Fortpflanzung willen und bitteschön, ohne dabei Lust zu empfinden? – Denken wir an das europäische Mittelalter, fallen den meisten von uns zum Thema Sexualität zuerst die genannten überholten Ansichten der Kirche ein. Vielleicht wären wir Europäer bereits ausgestorben, wenn die Menschen dem kirchlichen Ansinnen, sich der teuflischen Verlockung zu entziehen, gefolgt wären. Demnach muss es im Mittelalter, immerhin eine 1.000 Jahre umfassende Epoche, noch gänzlich andere Ansichten zu Sexualität gegeben haben. In unseren Köpfen tauchen nun schnell Bilder lüsterner Priester auf, die beichtende Frauen verführen, Adlige, welche ein ausschweifendes Liebesleben mit Geliebten pflegen und das Recht der ersten Nacht mit einer ihrer Leibeigenen beanspruchen, während sich ihr Bräutigam hinten anstellen darf.

 

Welche unserer Vorstellungen der mittelalterlichen Sexualität sind denn nun zutreffender? Lebten die

Menschen damals überwiegend keusch, eher frivol oder beides? Autorin Ruth Mazo Karras, international angesehene Mittelalterforscherin, gibt in ihrem Buch „Sexualität im Mittelalter“ überaus spannende und oftmals überraschende Antworten. Im Zentrum ihres Interesses steht dabei weniger, was die Menschen miteinander taten, sondern was sie über ihre sexuellen Aktivitäten dachten und wie diese bewertet wurden.

 

Wäre Ruth Mazo Karras eine Briefkastentante, an die der mittelalterliche sexuell ratsuchende Mensch hätte schreiben können, würden wohl folgende Fragen auf ihrem Schreibtisch landen: „Er hat gesagt, er wird mich heiraten. Dann hat er mit mir geschlafen und mich noch immer nicht geheiratet. Kann ich sein Versprechen vor Gericht einklagen?“; „Ich habe unzüchtige Gedanken. Bin ich noch keusch?“; Mir wurde eine Tochter geboren. Mein Mann wollte einen Sohn und gibt mir die Schuld. Bin ich schuldig?“ oder „Mein Mann möchte, dass ich beim Geschlechtsakt auf ihm sitze. Ist das nicht widernatürlich und verboten?“ Da Ruth Mazo Karras nicht im Mittelalter lebte, war sie für die Suche nach Antworten auf Quellen angewiesen, deren Auswertung sich mitunter recht schwierig gestaltet, wie sie im ersten Teil ihres Buches „Sexualität im Mittelalter“ schildert.

 

Dank ihrer weitreichenden Kenntnis der mittelalterlichen Kultur und Sprache, liefert sie jedoch Interpretationen, welche auch dem interessierten Laien ermöglichen, die Bedeutung der zahlreich zitierten literarischen, juristischen und religiösen Texte zu erkennen. Weltbild und sprachliche Begriffe des Mittelalters unterscheiden sich wesentlich von unseren heutigen Auffassungen, so dass viele Quellen ohne Interpretation der Autorin kaum zu verstehen wären. Weiterhin erleichtern erklärende Anmerkungen, die sich mit Quellen- und Literaturverzeichnis, einem Personen- und Ortsregister und dem Bildnachweis im Anhang des Buches befinden, das Verständnis.

 

Thematisch passende Abbildungen, leider nur in Schwarzweiß, zum Beispiel von mittelalterlichen Tafelbildern und Buchmalereien, lockern den Text auf. Mit „Sexualität im Mittelalter“ erhält der Leser einen fachlich fundierten und didaktisch ansprechenden Einblick in die Vielfalt der mittelalterlichen Ansichten und Erfahrungen zur Sexualität, aus dem Amerikanischen von Wolfgang Hartung übersetzt. Darüber hinaus ist die Lektüre ebenso unterhaltsam wie lehrreich, denn ganz nebenbei entpuppt sich die ein oder andere eingangs erwähnte Vorstellung mittelalterlichen Lebens als hartnäckige Legende, wie jene vom sogenannten Recht der ersten Nacht, welches einem Adligen erlaube, die leibeigene Braut in der Hochzeitsnacht zu deflorieren.

 

„Sexualität im Mittelalter“ lässt kaum eine Frage zu Keuschheit, ehelichem Geschlechtsverkehr und außerehelichen Aktivitäten beider Geschlechter unbeantwortet. So sieht man sich als Leser dann auch in die Lage versetzt, jene Fragen an unsere fiktive mittelalterliche Briefkastentante selbst zu beantworten. Im Fall des Eheversprechens gilt, Versprechen in Gegenwartsform („Ich nehme Dich zur Frau“) schaffen auf der Stelle eine rechtsgültige Ehe, während die unvorsichtige Äußerung „Ich werde Dich zur Frau nehmen“ erst nach Vollzug des Geschlechtsaktes eine gültige, übrigens vor Gericht einklagbare, Ehe bedeutet. Unzüchtige Gedanken machen den Keuschen noch keuscher, sofern er ihnen nicht nachgibt. Schuld an der Geburt eines Mädchens ist die Schwäche des männlichen Samens. Die Frau trifft keine Schuld, auch wenn sie trotzdem oft beschuldigt wurde. Schuldig macht sie sich hingegen, wenn sie beim Geschlechtsverkehr die obere Position einnimmt, da dies eine Empfängnis ausschließt und der Geschlechtsakt ohne die Möglichkeit einer Fortpflanzung als widernatürlich und somit als Sünde galt. Die mittelalterliche Briefkastentante würde hier schlicht raten: Tu es nicht! Wie man trotz unsündiger Missionarsstellung nicht schwanger wird, verrät ein medizinisches Handbuch aus dem 12. Jahrhundert: „Nimm ein männliches Wiesel und lass seine Hoden entfernen und setze es anschließend wieder lebend in Freiheit. Lass die Frau diese Hoden, welche in die Haut einer Gans oder eines anderen Tieres gewickelt werden sollen, an ihrer Brust tragen, dann wird sie nicht empfangen.“ – Nun, die Anwendung dieser Methode sei dem Leser schon aus Mitgefühl für das Wiesel nicht empfohlen, die Lektüre von „Sexualität im Mittelalter“ hingegen sehr.

 

„Sexualität im Mittelalter“ verspricht ein derartiges Lese- und Lernvergnügen, dass es einer Sünde gleichkäme, dieses spannende Buch nicht zu lesen!

Autorenportrait:

Ruth Mazo Karras hat den Lehrstuhl für Mediävistik an der „University of Minnesota“ inne. Durch ihre viel beachteten Arbeiten zur Sexualitäts- und Geschlechtergeschichte zählt sie zu den international angesehensten Mittelalterforscherinnen.

Sexualität im Mittelalter

Ruth Mazo Karras

Sexualität im Mittelalter

Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Hartung

Artemis & Winkler Verlag, Düsseldorf

ISBN 3-538-07230-2

1. Auflage 2006, 350 Seiten, mit zahlreichen s/w-Abbildungen, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag, Format 13 x 20,5 cm.

Unverbindliche Preisangabe: € 28.- (D) / € 29.- (A) / sFr 49.-

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