Sex Report

Ausgewählte Fotos aus dem Kinsey-Archiv

Sex Report(asp). Auf einem mit schwarzem Samt bezogenem Podest kniet eine Frau. Mit den Ellbogen stützt sie sich ab, um den Kopf ein weißes Stirnband, ansonsten ist sie nackt. So nackt wie der hinter ihr kniende Mann, der sie an den Beinen hält und sein Gesicht zwischen ihren Pobacken versenkt. „Mann, das Gesäß einer Frau leckend“ – so der unverblümte Titel dieser über 100 Jahre alten Fotografie. Eine andere Abbildung zeigt in 15 kleinen Fotografien ebenfalls eine Frau – genau genommen das Gesicht einer Frau. Zunächst keck, später unverhohlen genießerisch, zu guter Letzt entspannt präsentiert sich die Mimik der Frau, die – so erfährt man aus der Bildunterschrift – sozusagen vor unseren Augen einen Orgasmus bekommt.

Ordinär? Erotisch? Oder einfach nur geschmacklos? Man mag über derlei Fotos denken, was man will, aber eines sind sie definitiv nicht: Inhalt eines billigen Pornoheftes. Vielmehr sind sie Wissenschaft, genauer gesagt Forschungsgegenstände des berühmten Amerikaners Alfred Kinseys (1894-1956), der mit seinen revolutionären Sexualforschungen in die Geschichte einging. 1938 fasste der Biologe nach einem Eheseminar, in dem sich unzählige junge Frauen mit der Frage an ihn wandten, was denn nun normales Sexualverhalten sei, den Entschluss, Licht ins Dunkel zu bringen und anhand wissenschaftlicher Studien das menschliche Sexualverhalten zu erforschen. Am Ende seines Projekts hatte er 18.000 Personen interviewt, sie zu Ehe, Gesundheit und Erziehung, im Besonderen aber zu ihren intimsten sexuellen Geheimnissen befragt. Das Ergebnis sorgte für Aufsehen. Die Veröffentlichungen von „Sexual Behavior in the Human Male“ (1948) und „Sexual Behavior in the Human Female“ (1953) wurden nicht nur zu Bestsellern, sondern auch zum Anstoß für Kontroversen unter Wissenschaftlern, Politikern, Geistlichen und nicht zuletzt auch unter jenem Teil der amerikanischen Bevölkerung, der noch immer der viktorianischen Moral unterworfen war. Auch wenn die beiden Bücher ohne Abbildungen auskamen (oder auskommen mussten?), erweiterte Alfred Kinsey seine Forschungen und begann alles zu sammeln, was in irgendeiner Beziehung zur Sexualität steht. Von Fotografien über Sexspielzeug, Medien, Fresken und Skulpturen bis zu undefinierbaren Kategorien – gesammelt wurde einfach alles.

In der jüngsten Publikation aus der Sammlung Kinsey „Sex Report“, herausgegeben vom Archiv des Kinsey Instituts für Sexualforschung, wird nun eine Auswahl der über Jahre gesammelten Fotografien vorgestellt, unter anderem von George Platt Lynes, Wilhelm von Gloeden, J.A.S. Coutts und Charles Guyette. Die Leitung dieses Projekts übernahm Pierre Borhan in Zusammenarbeit mit Catherine A. Johnson, Betsy Stirratt und Jeffrey A. Wolin, die gleichzeitig als Autoren tätig waren. Hervorragende Übersetzungsarbeiten leisteten aus dem Englischen Thomas Werner und aus dem Französischen Claudia Marquardt. Wissenschaftliche und zugleich spannende Texte geben umfassende Hintergrundinformationen zu Alfred Kinsey und seinen Sexualforschungen, zu seiner Sammelleidenschaft und seinen ungewöhnlichen Untersuchungsmethoden. Jennifer Pearson Yamashiro blickt in einem Essay auf die amerikanische Sexpolitik der 1950er Jahre zurück, auf politische Verfolgung sexuell „Abtrünniger“, auf Gesetzte, die außerehelichen Verkehr als kriminell einstufen und unternimmt schließlich den Versuch, anhand von Kinseys Fotografien die Überschneidung von Phantasie und Realität zu überprüfen – ein Versuch, der glückt und mehr als interessante Einblicke liefert.

Doch endlich zum Herzstück des „Sex Report“, den weit über 150 Schwarzweißfotografien. Alfred Kinsey und seine Mitarbeiter erhielten sie aus den verschiedensten Quellen: von Polizeidienststellen als konfisziertes Material, von eigens beauftragten Fotografen, von Privatgebern. Ihre Entstehungszeit reicht bis zur Geburtsstunde der Fotografie in der Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Kaum bot sich also die Möglichkeit, ließen sich die Menschen nicht nur nackt sondern auch während der Ausübung verschiedenster sexueller Praktiken ablichten. Verkleidet als Nonnen befriedigen sich zwei Frauen, Braut und Bräutigam kopulieren im historischen Ehebett, in schamloser Pose präsentiert eine Frau unter zahllosen Unterröcken ihre Genitalien. Neben Aufnahmen der verschiedensten sexuellen Aktivitäten sowohl hetero- als auch homosexueller Paare, die von Petting und Selbstbefriedigung über gewöhnlichen Geschlechtsverkehr bis zu Gruppensex und Oralverkehr reichen, widmet sich eine andere Fotoreihe den menschlichen Geschlechtorganen. Stil und Intention der Aufnahmen variieren. Während einige, darunter vor allem die Aufnahmen der Fotografen Baron Wilhelm von Gloeden und George Platt Lynes eine hohen ästhetischen Wert und Anspruch aufweisen, sind andere eher dokumentarisch, wieder andere können nicht anders als obszön bezeichnet werden. Doch gerade darin liegen Wert und Anliegen des hochwertigen Buches. Denn „Sex Report“ ist weniger erotischer Bildband, als eine wissenschaftliche Dokumentation zur menschlichen Sexualität, zu Wünschen und Phantasien, die normalerweise hinter der menschlichen Schamgrenze verborgen bleiben. Vorbildlich setzten die Macher den wissenschaftlichen Anspruch des Bandes um, weisen in Fußnoten auf verwendete Quellen und in einer gesonderten Bibliographie auf weiterführende Literatur hin.

„Sex Report“ ist ein über Jahrzehnte gesammelter Fundus über die menschliche Natur, der jede noch so ungewöhnliche Sexphantasie gelten lässt, der zeigt, ohne zu werten. Sexualität als kreative, omnipräsente Kraft zu begreifen, war eine von Alfred Kinseys Schlüsselideen – „Sex Report“ hat sie im Sinne des Erfinders umgesetzt und ihm damit ein ungewöhnliches aber imposantes Denkmal gesetzt.

Sex Report

Das Archiv des Kinsey Instituts für Sexualforschung (Hrsg.)
Sex Report
Aus dem Englischen von Thomas Werner
Aus dem Französischen von Claudia Marquardt
6x6.com im Wachter Verlag, Heidelberg
ISBN 3-89904-062-7
1. Auflage, 240 Seiten, mit 170 meist s/w-Abbildungen, Hardcover gebunden mit Lesebändchen, Format 24 x 28 cm.
Unverbindliche Preisangabe: € 49,90 (D) / € k. A. (A) / sFr 79.-

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