secret snapshots

Bilder von anonymen Fotografen

secret snapshots(flk). Was über Jahrhunderte der heimliche Blick durchs Schlüsselloch hinein ins Schlafzimmer gewesen war, änderte sich Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Erfindung der Photographie. Jetzt war es – anfangs noch mit langen Belichtungszeiten – möglich, die geheimsten erotischen Phantasien auf Zelluloid zu bannen und so dem Mahlstrom der zeitlichen Vergänglichkeit zu entreißen. Natürlich waren diese sehr intimen Aufnahmen nicht für das Licht der Öffentlichkeit bestimmt, und natürlich war ihren Besitzern auch klar, dass sie unter fotokünstlerischen Gesichtspunkten nie an die ästhetische Perfektion der Hochglanzaufnahmen der großen Magazine heranreichen würden. Trotzdem, oder gerade wegen dieser Unzulänglichkeiten, stellen aber diese sehr speziellen Aufnahmen ein zeitgeschichtliches Dokument der besonderen Art dar, das jetzt von Herausgeber Christian Skrein in „secret snapshots“ zum ersten Mal dokumentiert wurde.

Das mehrseitige, auf Deutsch und Englisch verfasste Vorwort liefert gleich zu Beginn die Erklärung, warum es gerade die verwackelten, überbelichteten oder gar abgeschnittenen Aufnahmen des menschlichen (zumeist weiblichen) Körpers sind, denen der Reiz des Verbotenen, Verruchten anhaftet: „Erotische Schnappschüsse versinnbildlichen den Akt des Fotografierens vielmehr als ein Spiel, die Kamera wird zum Kommunikationsmittel zwischen Fotograf und fotografierter Person.“ Und tatsächlich ist es ein Spiel von provokanter Laszivität, welches sich auf den folgenden Seiten den Augen des Betrachters offenbart. Hausmütter vor Gelsenkirchener Barock, mit nichts mehr bekleidet als feinen Nylonstrümpfen, junge Mädchen, die sich frivol in den Laken wälzen, oder der Gruppenausflug zum FKK-Baden. „secret snapshots“ ist eine bunte Wundertüte voller Bilder aus den verschiedensten Epochen, Kulturkreisen und sozialen Schichten.

Manchen Aufnahmen ist ihre Herkunft sofort anzusehen, bei anderen wiederum schafft erst ein Blick ins Register Klarheit über Entstehungszeit und -ort. Zur Mitte des 20. Jahrhunderts ist es sinnbildlich für die aufkommende Emanzipationsbewegung eine junge Amerikanerin, die sich auf dem Boden liegend an den Radmuttern eines aufgebockten Wagens versucht, während ihr zur Seite gerutschter Rock tiefere Einblicke gewährt. Just zur selben Zeit in „Good old Europe“ staksen einige unbekleidete „Frolleins“ ins kühle Nass eines nahen Sees, unzüchtige Blicke werden durch das mannshohe Schilf abgewehrt – der gesellschaftliche Muff der Adenauerschen Nachkriegsepoche ist hier noch mit den Händen zu greifen. Auf der anderen Seite des Vorhangs und knappe zehn Jahre darauf ist die neue Unverkrampftheit im Umgang mit dem eigenen Körper bereits Realität: Familienausflug an der Ostsee – die Freikörperkultur nimmt den zumeist in schwarz-weiß gehaltenen Bildern ihren Ernst, lockert die Szenerie sichtlich auf. Das Nackte an sich hat seine Subversivität verloren, ist Normalität der Alltagskultur geworden.

Am Ende der Lektüre dieses kleinen Meisterwerks der Fotokunst fragt man sich unwillkürlich, woran es denn nun gelegen hat, dass man dem dreisten Charme dieser Alltagsdokumentation erlegen ist. War es nun wirklich das Künstlerische, dieser unverkrampfte Umgang mit der Kamera, der bei „secret snapshots“ in den Mittelpunkt gestellt wurde, oder doch der menschliche Urtrieb des Voyeurismus, der Wunsch zu wissen, was sich auf der anderen Seite des Schlüsselloches abspielt?

Wie auch immer – „secret snapshots“ ist ein Schmankerl für jeden Fotografieinteressierten, der Geschmack am Unverstellten, am Natürlichen findet!

Herausgeberportrait:
Christian Skrein, Künstler und ehemaliger Photograph, sammelt seit vielen Jahren private Photos. „secret snapshots“ zeigt nun erstmals seine Sammlung an „private nudes“: Witzig und charmant, leicht und berührend, von absonderlicher Komik und manchmal beinahe surrealistisch muten diese Amateurbilder an.

secret snapshots

Christian Skrein (Hrsg.)
secret snapshots
Bilder von anonymen Fotografen
Christian Brandstätter Verlag, Wien
ISBN 3-85498-441-3
1. Auflage 2005, 128 Seiten, mit ca. 150 s/w-Fotos, Hardcover gebunden, Format 16,5 x 23 cm.
Unverbindliche Preisangabe: € 29,90 (D) / € 29,90 (A) / sFr 52,90

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