Schwerelos in blauer Tiefe
Der Mensch und das Meer
(mkb).
„Ich bekreuzige mich. Ich schließe die Augen. Ich hebe langsam
die Hand. Ich atme ein letztes Mal ein, sehr tief. Sobald ich die Hand hebe,
spüre ich, wie der Schlitten sich löst. Ich bin gestartet. Die Wasserlinie
gleitet über mein Gesicht. Ich bin von der Luft ins Wasser eingetreten.
Der Abstieg in die blaue Tiefe hat begonnen.“ – Mit diesem
einzigen Atemzug startet Umberto Pelizzari seinen Rekord, taucht ohne Sauerstoffflasche
in Tiefen ab, deren Bedingungen ein Mensch normalerweise nicht überleben
dürfte. In seinem Buch „Schwerelos in blauer Tiefe“ hat der
Apnoetaucher seinen Lebensweg aufgeschrieben, erzählt von Erfolg, Niederlage
und seiner Liebe zum Meer.
Der Apnoe-Taucher ist der Freestyle Climber, Umberto Pelizzari der Reinhold
Messner unter Wasser; ein Taucher, der sich für sein Element stark macht,
sich nach seiner Karriere für deren Schutz einsetzt. Der Autor teilt sein
bisheriges Leben in zwei Phasen: den Wettbewerb im Apnoetauchen und seine Bemühungen
um die Weltmeere. Behutsam begleitet er den Leser in den Zauber unter Wasser,
macht aus dem Mysterium Meer einen Lebensraum, der erhaltens- und somit schützenswert
ist.
Wasserscheu geboren, durchbricht Umberto Pelizzari in seiner Karriere die magischen
150 getauchten Meter, bleibt mit einer Lunge voll Sauerstoff mehrere Minuten
im Atemlosen, fern von uns Vertrautem, in einer Welt, in der Raum und Zeit keine
Rolle zu spielen scheint. Der Weg dorthin bedeutet hartes Training, möglich
nur mit einem Willen bis zur Selbstaufgabe. Jacques Mayol, prominent geworden
durch den Kinofilm „Im Rausch der Tiefe“, wird Umbertos Lehrer,
zeigt ihm, dass Apnoetauchen nicht nur Training, sondern auch pure Leidenschaft
ist: „(...) die Lust am Tauchen, aus der sich alles Weitere ergibt,
die Leichtigkeit, die Geschmeidigkeit, die Eleganz, die Symbiose mit dem Meer,
das Bewusstsein, unter Wasser zu verweilen, ein Mensch zu sein, aber ohne das
Bedürfnis zu atmen.“
Auf dem Höhepunkt seines Erfolges kehrt Umberto Pelizzari dem Wettbewerb
den Rücken und wendet sich denjenigen zu, die über die Jahre seine
Familie geworden sind: dem Meer und seinen Bewohnern. Besonders ergreifend sein
Einsatz für Stefania, das in einem Delfinarium lebende Delfinweibchen:
„Der Anblick, der sich uns bot, war erschütternd: In einem kleinen
Zementbecken, das mit schmutzigem Wasser gefüllt war, trieb der Delfin
reglos an der Oberfläche. (...) Was wir vor uns sahen, war ein sterbender
Delfin.“ Es vergehen viele Monate, bevor Stefania von Haut- und Virenerkrankungen
befreit im offenen Meer eine Lebensgrundlage gefunden hat, ihr die Abhängigkeit
vom Menschen genommen und Freiheit wiedergegeben werden konnte. Umberto Pelizzari
taucht mit Buckelwalen, Hammer- und sogar Weißen Haien, löst mit
seinen Erzählungen im Leser nach und nach die Angst vor dem Unbekannten
auf und führt in eine Form der Vertrautheit, die sogar dem so sehr in Verruf
geratenen Hai seine Schrecken nimmt.
„Schreiben war nie mein Lieblingssport“, gesteht Umberto
Pelizzari, was in manchen Satzstellungen, in manchen Redewendungen deutlich
wird, der Biografie aber in keiner Weise schadet, im Gegenteil, Geschriebenes
erst wahrhaftig macht. Gerade deshalb ist „Schwerelos in blauer Tiefe“,
aus dem Französischen von Inge Rothfuss übersetzt, ein Werk geworden,
das nicht nur den Sport und Wettkampf beschreibt, sondern den Horizont öffnet,
das Meer lebendig schreibt.
Durchaus lesenswert!
Autorenportrait:
Umberto Pelizzari, 1965 in der Nähe von Genua geboren, ist einer der besten
Freitaucher der Welt. Im Laufe seiner Karriere hat er alle Weltrekorde dieser
faszinierenden Sportart erreicht und ist noch heute amtierender Weltmeister
in Apnoetauchen mit konstantem Gewicht. Zusammen mit Jacques Mayol und Enzo
Maiorca, den Helden des legendären Films „Im Rausch der Tiefe“,
hat er das Freitauchen weltweit bekannt gemacht. Er ist mit Delfinen und Walen
geschwommen, hat buddhistische Atemtechniken erlernt und so die Kunst des Apnoetauchens
vervollkommnet. Heute leitet er eine Tauchschule und setzt sich für den
Schutz der Meere und der großen Meeressäuger ein.
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