Rakes Anleitung zum Orgasmus

Die Anthologie

Rakes Anleitung zum Orgasmus(bhs). Bereits der Anfang fesselt sprachlich: „Renate Langgemach sah mich irritiert an. „Kannst du das Thema wiederholen?“ „Orgasmus“, sagte ich überdeutlich, „Anleitung zum Orgasmus lautet das Thema!“ Die Autoren des Rake Verlages, die an diesem verregneten Dezemberabend zusammengekommen waren, lächelten dünn. Einige blickten auf ihre Schuhspitzen.“ – Genauso mag der Leser die ersten Sekunden empfinden, wenn er „Rakes Anleitung zum Orgasmus – Die Anthologie“ in die Hand nimmt. Und genauso wie in der Einleitung, ergeht es ihm auch weiter: Er spürt das anfängliche Winden der beauftragten Autoren genauso, wie ihre unterschiedliche Art und Weise zu schreiben, mit dem Thema umzugehen.

Der Leser spürt das Entsetzen einer Michèle Kirner-Bernoulli, die keine „Pornographie“ schreiben mag, aber später doch in ihrer Erzählung zu Worten greift, die sie zuvor vielleicht hätten erröten lassen – glaubhaft jedoch, stilvoll und schier bestechend. Man spürt auch das Zögern der männlichen Schreiber, die sich in „Rakes Anleitung zum Orgasmus“ über die „schönste Sache der Welt“ auslassen – teils schlicht männlich, dann provokativ, aber auch in extremster Scheu – und genauso vernimmt er die Unbefangenheit der jüngeren unter den Autoren, die ihrer Phantasie keine Grenzen setzen und Wortspiele beginnen, die sexuelle Spiele widerspiegeln.

Die Ankündigung klingt phantastisch und wahr, wenn es da heißt „Orgasmen gibt es, seit es die Menschheit gibt... Jeder hat sie, selbst der katholische Priester, und so verwundert es, dass wir mit anderen zwar offen über Parkraumbewirtschaftung sprechen können, beim Thema Orgasmus aber verschämt zu Boden blicken.“ – Stimmt. Doch das Versprechen, dass zehn Autoren in „Rakes Anleitung zum Orgasmus“ gänzlich Schluss machen würden damit, das stimmt leider nicht ganz und wirkt nach der Lektüre ein Stück weit vollmundig: Einige der Autoren zeigen – wie angekündigt – tatsächlich auf, wie man ungezwungen oder leidenschaftlich mit „der schönsten Nebensache der Welt und ihrem Höhepunkt“ umgeht. Andere hingegen nehmen wohl die angekündigten „groteske Geschichten“ etwas zu ernst – dafür aber sind später sogar „kribbelnde Dokumentationen“ in „Rakes Anleitung zum Orgasmus“ auffindbar.

Vielleicht hat die Irritation Renate Langgemach zu sehr in den Fängen gehalten, vielleicht kam der Ansporn der anderen spontaner – was nach einer begeisternden Einleitung jedenfalls folgt, sind zehn Kapitel über den Orgasmus, geschrieben von zehn Autoren verschiedenen Alters. So skurril Renate Langgemach von einem Falter erzählt und der Leser vielleicht in den tiefsten Abgründen seiner Interpretationsfreude irgendwann darauf kommt, dass sie in „Der Falter“ tatsächlich von einer sexuellen Begegnung spricht, so erfreulich wiederum ist Stephan Sareks sprachlich brillanter Exkurs ins Paradies, in das eine Frau in den besten Jahren dank ihrer Phantasien geführt wird – und prompt lebt eine tot geglaubte Lust wieder auf.

Provokativ zeigt sich Hartmut Kraske: „Die gestiefelte Katze“ ist ein Grenzspiel mit dem Leser, wenn er gehobene Sprache mit Gassenjargon wechselt, freche Begrifflichkeiten mit Nischen-Sex, einem Ansatz vermeintlich ordinärem mörderischem Spiels. Wenngleich Roland Sprangers „Recherche“ als solche betitelt ist, zeigt sich im Verlauf der Seiten oben mittig stets die Überschrift „Der Falter“. Ein bedauernswerter Druckfehler – der das Leservergnügen allerdings trotzdem nicht schmälert: Spannend, in lebendiger Sprache und den Leser wirklich ansprechend ist diese Kurzgeschichte geschrieben.

Absolutes Highlight ist mit Abstand der Erstling von Michéle Kirner-Bernoulli. Intelligenter Witz, Wortfindungen und das Thema schlechthin lassen ihre Erzählung „Lang lebe Amerika“ zu etwas geraten, was eigentlich ein ganzes Buch werden könnte: Orgasmus-Simulation und die Frage, wer spielt wem etwas vor – und warum eigentlich... Geniale Wortwahl packt den Leser und lässt ihn diese Geschichte verschlingen. Wahrhaftigkeit, die mit Humor begeistert.

Jacqueline Ohnhold „Auf gute Nachbarschaft“ bringt die Verbitterung des Unverständnisses genauso rüber, wie einen fast bösen – aber begeisternden Humor. Zynisch betrachtet die Autorin das Miteinander von Mann und Frau, Nehmen und Geben – oder Genommen werden. Volker Maria Neumann und die „Mehrdorns“ mutet an wie eine Familiengeschichte besonderer Art. Wieder ein anderer Blick, ein berichtender aber würziger Stil. Die Perspektive eines Pubertierenden greift Martina Wurzinger in „Benny und der Orgasmus“ auf. Witzig die Gedankengänge des Sohnes, der feststellen muss, dass seine Eltern scheinbar nicht wissen, was es mit dem Orgasmus so wirklich auf sich hat. Hier kommt die Verlegenheit Erwachsener ins Spiel, aber auch der leichtfüßige Umgang mit dem doch oft so verschwiegenen Thema der Sexualität.

„Zehn Arten zu kommen“ kennt Stefanie Claußen – und besticht durch eine gekonnte Ironie zwischen den Zeilen. Ideenreich, vielleicht gar motivierend und hochamüsant. Jana von Altenburgh kommt ganz anders zum Zug. Nämlich in genau dem: Eine zufällige Begegnung endet atemberaubend... Das Spiel mit dem fremden Unbekannten, eine gewisse Kühle heiß verpackt, darin die Sehnsucht, die nach dem Zug eben auch zum Zug kommt... Und das sogar für den Leser!

Alles in allem ist „Rakes Anleitung zum Orgasmus“ ein ausgesprochen gelungenes Werk. Interessant am Rande – für ganz private Studien – ist sicher, wie unterschiedlich Mann und Frau den Orgasmus an sich betrachten, welche Worte sie wählen, wie sie über das männliche Geschlechtsteil sprechen und – wo die Emanzipation heute stattfindet. Mindestens in der Wortwahl der Frauen, die über ein vermeintliches Tabuthema derart brillant zu schreiben vermögen, dass sie das angeblich so emanzipierte Geschlecht definitiv ausstechen.

„Rakes Anleitung zum Orgasmus“ ist eine Gratwanderung. Wie das Thema, so auch die Geschichten. Teils bestechend, teils verunsichernd. Aber allemal ein Genuss!

Rakes Anleitung zum Orgasmus

Rake Verlag (Hrsg.)
Rakes Anleitung zum Orgasmus
Die Anthologie
Rake Verlag, Kiel
ISBN 3-931476-67-7
1. Auflage, 192 Seiten, Taschenbuch.
Unverbindliche Preisangabe: € 9,90 (D) / € k. A. (A) / sFr k. A.

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