Paris

Poetische Liebeserklärung an eine Stadt und ihre Bewohner

Paris(flk). Es müssen die Gesichter sein, die Augen, aus denen sich Freude und Leid lesen lassen, denen Alltagstrott aber auch abendliche Ausgelassenheit ihren Stempel aufgedrückt haben. Mitunter reicht der Bruchteil einer Sekunde, reicht ein kurzes verschmitztes Lächeln, eine fahrige Geste, ein versunkener Blick und der Betrachter meint in der Seele diese Menschen lesen zu können. Gute Fotografen zeichnet es aus, diesen Moment mit der Linse einzufangen, ihn für die Nachwelt zu bewahren. Manchmal fügen sich auf wundersame Weise zahlreiche solcher Bilder zu einem Puzzle zusammen und offenbaren so beispielsweise das menschliche Antlitz einer Stadt – eine solche Collage human gewordener Urbanität ist es auch, die Robert Doisneau mit „Paris“ gelungen ist.

In diesem wunderschönen Bildband nimmt er den Leser bei der Hand und zeigt ihm Winkel der Seine-Metropole, die selbst manch langjährigem Residenten der französischen Hauptstadt fremd und unwirklich erscheinen werden. Es ist vor allem das Paris der kleinen Leute, der Freudenmädchen, der Kneipiers und der Arbeiter, denen in „Paris“ ein Denkmal gesetzt wird. Denn Paris bietet so viel mehr als den klischeehaften Vierklang aus Eiffelturm, Louvre, Montmartre und Notre Dame, wenn auch neben diesen und anderen Motiven Robert Doisneaus bekanntes Werk, „le baiser devant l’hotel de ville“ – „Der Kuss vor dem Rathaus“, natürlich nicht fehlen durfte.

Hier aber geht es vor allem um die „quartiers“ abseits der Touristenströme. In den engen Gassen der Altstadt ziehen Musikanten durch miefige Kaschemmen, Männer mit zerschlissenen Hosen harren an der Bar der Getränke, die an diesem Abend noch über den Tresen gehen werden, und in den Straßen rund um die Schlachtereien in „les halles“ stapelt sich der Unrat. Trotz allem kommt im Bildband „Paris“ zu keiner Zeit der Eindruck städtischer Tristesse auf, den man bei dieser Beschreibung vielleicht erwarten könnte – allgegenwärtig ist stets eine gewisse Unbeschwertheit den Widrigkeiten des Alltags zum Trotz. Diese Leichtigkeit zieht sich denn auch wie ein roter Faden durch den in schwarz-weiß gehaltenen Bildband. Vom Buchdeckel mustert ein junges Mädchen mit Ziehharmonika skeptischen Blickes den Leser, in kleinen Kellerkneipen wird nach Feierabend das Tanzbein geschwungen, die Champs Elysées verwandeln sich in einen Laufsteg der Jugend, und ein Steppke marschiert mit Wein und Baguette unterm Arm nach Hause. In diese Aufnahmen mischt sich beim Betrachten stets auch ein wenig Wehmut, ist doch jedem aufmerksamen Beobachter klar, dass das Paris dieser Tage längst verschwunden, ein Opfer der unerbittlich fortschreitenden Zeit und des Strebens nach Modernität und Funktionalität geworden ist. „Les halles“, die alten Markthallen in denen mitten im Zentrum einst das Leben pulsierte, sind längst abgerissen und haben dem futuristischen Centre Pompidou Platz machen müssen. Man mag das bedauern oder gutheißen, zu ändern aber ist es nicht. Robert Doisneaus „Paris“ ist ein nostalgischer Abgesang auf diese Epoche zur Mitte des 20. Jahrhunderts, in der sich die Stadt noch einmal in all ihrer unverwechselbaren Individualität so präsentierte, wie sie heute nur noch in den Köpfen der Menschen weiterlebt, die damals ihrem Zauber erlagen.

Neben den 560 zum Teil bisher unveröffentlichten Bildern wartet der Bildband „Paris“ auch mit einer Kurzbiographie des Künstlers, einer ausführlichen Bibliographie und einem Wortregister am Ende des Buches auf. Das von Christine Diefenbacher aus dem Französischen übersetzte Vorwort wie auch die zahlreichen Kommentare zu den Aufnahmen schrieb der 1994 verstorbene Robert Doisneau noch selbst – es ist die Liebeserklärung eines Chronisten an seine Heimatstadt. Hierin erläutert er, warum es gerade die Motive aus dem Alltagsleben sind, die ihn zeitlebens gefesselt hatten, und mit welchen Gefühlen er dem Wandel der Stadt gegenübersteht.

In dem Bildband „Paris“ sind es des Lesers Gedanken und Träume, die über die Champs Elysées flanieren werden!

Autorenportrait:
Robert Doisneau (1912-1994) arbeitete als Industrie- und Modefotograf (u.a. für „Vogue“) sowie als Bildjournalist. Seine wahre Liebe aber galt dem Pariser Alltagsleben. Bereits zu Lebzeiten wurde er mit Preisen überhäuft. Nach seinem Tod gab es umfassende Retrospektiven in Paris, Chicago und New York.

Paris

Robert Doisneau
Paris
Aus dem Französischen von Christine Diefenbacher
Flammarion Verlag, Paris
ISBN 2-08-021042-4
1. Auflage 2005, 400 Seiten, mit 560 s/w-Fotos, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag, Format 24 x 31 cm.
Unverbindliche Preisangabe: € 49.- (D) / € k. A. (A) / sFr 84.-

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